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Weltkriegswracks belasten die Nordsee mit freigesetztem Sprengstoff
Auf dem Grund der Nordsee liegen Hunderte Wracks aus den Weltkriegen, viele davon mit Munition. Feldversuche an drei Wracks zeigen nun, dass aus zwei von ihnen TNT und Abbauprodukte in Wasser, Sediment und Miesmuscheln gelangen und dort messbare Stressreaktionen auslösen. Wie weit die Belastung in die Umgebung reicht, ist bislang offen.
Aarhus (Dänemark). Mindestens 680 Wracks aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, die potenziell Munition enthalten, liegen nach einer Bestandsaufnahme im Nordseeraum. Mit fortschreitender Korrosion können Sprengstoffe aus Minen, Torpedos und anderer Munition austreten. Unklar ist bislang, wie stark solche Altlasten ihre unmittelbare Umgebung belasten und ob die freigesetzten Stoffe bereits messbare biologische Folgen haben.
Forscher des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) um Romina Marietta Schuster haben deshalb drei unterschiedliche Wracks untersucht. Dazu brachten sie an dem deutschen U-Boot UC-30, dem Kreuzer SMS Mainz und dem Fischkutter KW58 Hendericus beziehungsweise Fredericks Käfige mit jungen Miesmuscheln aus. Die Tiere blieben mindestens elf Wochen an den Wracks. Parallel analysierte das Team Wasser und Sediment auf TNT und dessen Abbauprodukte.
Die deutlichsten Spuren fanden die Forscher am Wrack von UC-30. Dort erreichten die TNT-Konzentrationen im Wasser bis zu 72,6 Nanogramm pro Liter, während zusätzlich die Abbauprodukte 2-ADNT und 4-ADNT nachweisbar waren. An KW58 fanden sich die höchsten Werte dagegen im Sediment nahe den dort liegenden Panzerabwehrminen. Im Mittel enthielten diese Proben 151,6 Mikrogramm TNT pro Kilogramm Sediment.
Auch in den ausgesetzten Miesmuscheln ließen sich die Sprengstoffe wiederfinden. Bei UC-30 waren TNT oder seine Abbauprodukte in 56 von 59 untersuchten Muscheln nachweisbar, bei KW58 in 51 von 60. An SMS Mainz fanden die Forscher weder in den Sedimentproben noch in den dort ausgesetzten Muscheln TNT oder seine Abbauprodukte. Das Wrack diente deshalb in der Auswertung als Vergleichsstandort.
„Wir haben Spuren von TNT in der Tierwelt, im Meeresboden und in der Wassersäule gefunden. Eine Verschmutzung findet definitiv statt. Die Frage ist, wie groß der Effekt ist und wie weit vom Wrack entfernt die Verschmutzung die Meeresumwelt beeinflusst. Wahrscheinlich handelt es sich um eine relativ lokale Verschmutzungsquelle, aber sie wird sich verschärfen, wenn das Wrack weiter zerfällt und mehr von dem Sprengstoff in den Minen freilegt“, erklärt Prof. Katrine Juul Andresen von der Aarhus University (AU).
Die chemischen Spuren gingen an den beiden belasteten Wracks mit Veränderungen mehrerer Biomarker einher. So war in Muscheln von UC-30 der Anteil von Lipofuscin, einem Pigment, das sich bei Zellstress in den Lysosomen ansammelt, im Mittel deutlich höher als an SMS Mainz. Zudem hatten die Muscheln von UC-30 und KW58 geringere Glykogenreserven. Auch die Aktivitäten von Enzymen, die an antioxidativer Abwehr und Entgiftung beteiligt sind, unterschieden sich zwischen den Standorten.
Die Tiere starben während des Versuchs nicht häufiger. Die Autoren deuten die Befunde daher als subletale Belastung, die sich auf Zellstoffwechsel und oxidativen Stress auswirkt, ohne unmittelbar tödlich zu sein. Gleichzeitig lässt sich nicht jede biologische Veränderung eindeutig allein dem TNT zuschreiben. Alte Wracks können neben Sprengstoffen auch Metalle, Treibstoffe und weitere Schadstoffe freisetzen, deren gemeinsame Wirkung die Studie nicht vollständig trennt.
Für die Bewertung ist außerdem entscheidend, dass die drei Wracks sehr unterschiedliche Freisetzungssituationen zeigten. Bei UC-30 lagen Minen teilweise offen im Wasser, während die Munition an KW58 weitgehend von Sediment bedeckt war. An SMS Mainz war keine Munition sichtbar und die Forscher fanden keine explosivstoffbedingte Belastung. Damit liefert die Untersuchung Hinweise auf lokale Hotspots, nicht auf eine gleichmäßige Belastung der gesamten Nordsee.
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