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Rätsel um Skelett aus dem Mittelalter mit „Autounfallverletzungen“ gelöst
Ein Knochenpuzzle mit ungewöhnlicher Ursache: Ein rund 700 Jahre altes Skelett aus Stirling Castle trägt mehr als 160 Brüche, die nach neuen Analysen bei einem einzigen Hochgeschwindigkeits-Aufprall entstanden sein könnten. Die Forscher halten einen Treffer durch ein Trebuchet-Projektil für die plausibelste Erklärung. Die bislang nur auf einer Fachkonferenz vorgestellte Deutung ist jedoch noch nicht fachbegutachtet.
Berlin (Deutschland). Verletzungen aus mittelalterlichen Kämpfen hinterlassen an Skeletten meist Spuren von Schwertern, Äxten, Speeren oder anderen Waffen. Skeleton 150 aus dem schottischen Stirling Castle passt jedoch nicht in dieses Muster. Der junge Mann erlitt mehr als 160 Brüche vom Schädel bis zu den Knien, also eher Autounfall-typischen Verletzungen, die für das Mittelalter sehr ungewöhnlich sind. Die Verteilung und Form der Frakturen sprechen nach einer neuen Analyse dafür, dass eine einzige enorme stumpfe Gewalteinwirkung seinen Körper traf.
Bioarchäologin Dr. Jo Buckberry von der University of Bradford hat den Fall am 5. August 2026 auf dem 25. European Meeting of the Paleopathology Association in Berlin vorgestellt. Das Team untersuchte die Knochen makroskopisch und ergänzte diese Analyse durch Röntgenaufnahmen, Mikroskopie und Mikro-CT. Damit wollten die Wissenschaftler unterscheiden, welche Brüche um den Todeszeitpunkt entstanden und welche erst später durch Lagerung oder Ausgrabung verursacht wurden.
Besonders stark fragmentiert waren die rechte Schulter und der Hinterkopf. Gleichzeitig zeigen die Beinverletzungen, dass der Mann beim entscheidenden Aufprall wahrscheinlich aufrecht stand und sein Gewicht über Beine und Füße trug. Auch die Unterarme waren demnach vor dem Körper gebeugt. Dieses Muster passt nach dem Vergleich mit modernen forensischen Fällen am ehesten zu einem einzigen Hochgeschwindigkeits-Aufprall auf einen lebenden Menschen.
Damit scheiden mehrere zunächst naheliegende Erklärungen weitgehend aus. Ein Sturz von einer hohen Mauer würde eine andere Verteilung der Kräfte erwarten lassen. Auch ein Überrollen durch ein Fahrzeug, ein Pferdetritt oder Schäden nach der Bestattung erklären das Gesamtmuster nicht überzeugend. Die Forscher suchten deshalb nach einer Ursache, die im frühen 14. Jahrhundert eine große Masse mit hoher Geschwindigkeit auf einen Menschen schleudern konnte.
Eine solche Waffe war das Trebuchet, eine große Gegengewichtsschleuder für Belagerungen. Das Gerät setzte die Energie eines fallenden Gegengewichts in die Bewegung eines langen Wurfarms um und konnte schwere Steinprojektile gegen Mauern und Türme schleudern. Für Stirling Castle ist ein massiver Einsatz solcher Belagerungsmaschinen historisch belegt. Historic Environment Scotland berichtet von insgesamt 13 Katapulten und Trebuchets, die die Burg während der englischen Belagerung von 1304 beschossen.
Genau in diese Zeit könnten auch die unter der mittelalterlichen Kapelle entdeckten Toten gehören. Bei Arbeiten im Jahr 1997 wurden dort neun Skelette gefunden. Die ungewöhnliche Bestattung innerhalb der Burg und Datierungen in die Zeit der Schottischen Unabhängigkeitskriege stützen die Vermutung, dass zumindest einige dieser Menschen während militärischer Auseinandersetzungen starben.
Besonders bekannt ist der sogenannte War Wolf, ein gewaltiges Trebuchet, das König Eduard I. für die Belagerung bauen ließ. Laut Historic Environment Scotland schleuderte die Maschine ein rund 140 Kilogramm schweres Geschoss gegen die Burgmauer. Ob ausgerechnet dieses Trebuchet Skeleton 150 traf, lässt sich aus den Knochen nicht bestimmen. Zudem standen bei der Belagerung weitere Schleudern im Einsatz, und der War Wolf kam erst gegen Ende der Belagerung zum Zug.
Die Deutung bleibt deshalb eine forensisch und historisch gestützte Hypothese. Auch Buckberry weist im Konferenzabstract darauf hin, dass direkt vergleichbare forensische Fälle fehlen. Zudem liegt bislang nur ein Konferenzbeitrag und keine fachbegutachtete Fachpublikation mit