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IQ, Herzrisiko und Co.: Wie würden Eltern einen Embryo auswählen?
Ethik im Reagenzglas: Viele Menschen ziehen bei Gentests eine Grenze zwischen Krankheiten und nichtmedizinischen Merkmalen. Doch in hypothetischen Auswahlentscheidungen berücksichtigten Befragte aus den USA und China einen erhöhten genetischen Hinweis auf niedrigen IQ oder antisoziales Verhalten fast ebenso stark wie ein erhöhtes Herzkrankheitsrisiko. Das stellt die einfache Trennung in medizinisch und nichtmedizinisch infrage.
Oxford (England). Bei einer In-vitro-Fertilisation entstehen häufig mehrere Embryonen, von denen später einer für die Übertragung ausgewählt wird. Genetische Tests können dabei schon vor der Implantation Hinweise auf bestimmte Erbkrankheiten liefern. Zunehmend werden auch polygene Risikowerte diskutiert, die viele Genvarianten zu einer statistischen Schätzung für häufige Krankheiten oder komplexe Merkmale zusammenfassen.
Gerade bei solchen polygenen Tests wird oft zwischen medizinischen Befunden und nichtmedizinischen Eigenschaften unterschieden. Doch ob diese Grenze auch bestimmt, wie Menschen tatsächlich entscheiden würden, war bislang weniger klar. Eine neue Studie trennt deshalb zwei Fragen voneinander: Wollen Menschen solche Informationen überhaupt erhalten, und wie nutzen sie sie, wenn sie bereits vorliegen?
Forscher der University of Exeter um Dr. Edmond Awad haben dafür zunächst 1.467 Erwachsene aus den USA untersucht. Die Stichprobe wurde nach Alter, Geschlecht und ethnischer Zugehörigkeit quotiert. Von ihnen beantworteten 735 Personen Fragen dazu, ob sie Embryonen auf vier Merkmale testen lassen würden: Herzkrankheit, Sehbeeinträchtigung, niedrigen IQ und antisoziales Verhalten.
Die Zustimmung unterschied sich deutlich: Einen Test auf Herzkrankheiten befürworteten 79 Prozent, einen Test auf Sehbeeinträchtigung 55 Prozent. Bei den in der Studie als nichtmedizinisch eingeordneten Merkmalen lagen die Werte dazwischen: 65 Prozent würden auf niedrigen IQ testen lassen, 58 Prozent auf eine Veranlagung zu antisozialem Verhalten. Im Mittel blieb die Testbereitschaft für die beiden medizinischen Merkmale höher.
„Menschen fühlen sich unwohl dabei, nach dieser Art von Information zu fragen, aber sie handeln danach, sobald sie vor ihnen liegt. Psychologen nennen das bewusste Unwissenheit. Sich dafür zu entscheiden, nicht hinzusehen, ist nicht dasselbe, wie sich nicht darum zu kümmern“, sagt Dr. Edmond Awad.
Anders fiel das Bild bei den übrigen 732 US-Teilnehmern aus. Sie erhielten in einem hypothetischen Szenario genetische Angaben zu jeweils zwei Embryonen und mussten sich für einen davon entscheiden. Dabei war ein Embryo mit überdurchschnittlicher Wahrscheinlichkeit für eine Herzkrankheit 40 Prozentpunkte seltener die Wahl als ein Embryo mit durchschnittlicher Wahrscheinlichkeit.
Für antisoziales Verhalten lag dieser Unterschied bei 36 Prozentpunkten, für niedrigen IQ bei 32 Prozentpunkten. Bei einer Sehbeeinträchtigung betrug er dagegen nur 19 Prozentpunkte. Die Grenze zwischen medizinischen und nichtmedizinischen Merkmalen erklärte die Auswahl damit deutlich schlechter als die vorher geäußerte Bereitschaft, überhaupt einen Test durchführen zu lassen.
Eine zweite Untersuchung mit 623 Erwachsenen in China ergab dasselbe Grundmuster, denn auch dort beeinflussten Angaben zu den beiden nichtmedizinischen Merkmalen die hypothetische Embryonenwahl mindestens ähnlich stark wie die medizinischen Informationen.
„Die Regulierung in diesem Bereich beruht auf einer Kategorie. Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Menschen nicht in Kategorien denken, wenn die Entscheidung vor ihnen liegt. Wenn die Politik abbilden soll, was Menschen wichtig ist, muss sie über die Auswirkungen sprechen, die ein Zustand oder Merkmal auf das Leben eines Kindes hat, und nicht über das Etikett, das daran hängt“, sagt Prof. Julian Savulescu von der Yong Loo Lin School of Medicine, National University of Singapore (NUS Medicine).