// SCINEXX — SPAZIO & SCIENZA
Tomatenstoff könnte die Leber vor Verfettung schützen
Überraschung in der Tomate: Nicht nur der rote Farbstoff Lycopin könnte die Leber schützen. In einem Mäuseversuch bremste dessen farbloser Vorläufer Phytoen die Entstehung einer stoffwechselbedingten Fettleber. Entscheidend war offenbar nicht der Stoff allein, sondern seine Verarbeitung durch zwei Enzyme. Ob Menschen ähnlich profitieren, ist noch offen.
Boston (U.S.A.). Eine metabolisch bedingte Fettleber entsteht, wenn sich zu viel Fett in Leberzellen einlagert. Die Erkrankung wird als metabolische Dysfunktion-assoziierte steatotische Lebererkrankung, kurz MASLD, bezeichnet. Sie kann Entzündungen und Vernarbungen nach sich ziehen. Forscher der Tufts University um den korrespondierenden Autor Xiang-Dong Wang untersuchten nun, ob Phytoen zu den schützenden Bestandteilen von Tomaten gehören könnte.
Phytoen ist eine farblose Vorstufe, aus der Pflanzen Lycopin und andere Carotinoide bilden. Damit fehlt ihm zwar die auffällige rote Farbe, nicht aber die biologische Relevanz. Frühere Tierstudien hatten gezeigt, dass Tomatenpulver die Leber stärker schützte als isoliertes Lycopin. Das legte nahe, dass weitere Tomatenstoffe beteiligt sein könnten.
„Sowohl Lycopin als auch Phytoen kommen in Tomaten und Tomatenprodukten in beträchtlichen Mengen vor. Aus früheren Untersuchungen wissen wir jedoch, dass Phytoen vom Körper tatsächlich leichter aufgenommen wird“, erklärt Na Youn Lee von der Tufts University.
Für den Versuch erhielten normale Mäuse und genetisch veränderte Tiere 24 Wochen lang eine Kost mit vielen raffinierten Kohlenhydraten. Bei den veränderten Mäusen fehlten BCO1 und BCO2, zwei Enzyme, die Carotinoide spalten. Jeweils ein Teil der Tiere bekam zusätzlich 15-cis-Phytoen. Das Team untersuchte anschließend Lebergewebe, Stoffwechselwege und die Zusammensetzung der Darmbakterien.
Bei den normalen Mäusen fiel die Fettleber mit Phytoen deutlich schwächer aus. Gleichzeitig stiegen in der Leber die Mengen der Stoffwechselregler SIRT1, PGC-1-alpha und PPAR-alpha. Auch die Signalkette über AMPK und ACC veränderte sich in eine Richtung, die den Abbau von Fettsäuren fördert. Die Leber speicherte dadurch offenbar weniger Fett und nutzte mehr davon zur Energiegewinnung.
„Unsere Ergebnisse haben weitreichende Bedeutung, da Phytoen nicht nur reichlich in gelben, orangefarbenen und roten Tomaten vorkommt, sondern auch in vielen gängigen Obst- und Gemüsesorten, darunter Karotten, rote Paprika, rosa Grapefruits, Wassermelonen und Aprikosen“, sagt Xiang-Dong Wang.
Eine Veränderung des Darmmikrobioms erklärte den Effekt dagegen nicht. Noch aufschlussreicher war der Vergleich mit den Mäusen ohne BCO1 und BCO2. In ihren Geweben reicherte sich besonders viel Phytoen an, doch ihre Lebern blieben ungeschützt. Eine hohe Konzentration des Ausgangsstoffs allein genügte also nicht.
Nach Ansicht der Forscher spricht dieses Muster dafür, dass erst Spaltprodukte des Phytoens die Schutzwirkung vermitteln. Welche Moleküle dafür verantwortlich sind, ist noch unklar. Auch genetische Unterschiede in den beteiligten Enzymen könnten beeinflussen, wie stark ein Organismus auf Phytoen reagiert. Der Versuch liefert damit einen Mechanismus, aber noch keine Ernährungsempfehlung für Menschen.
„Sollten weitere Untersuchungen unsere Ergebnisse bestätigen, könnte die Empfehlung, mehr phytoenreiches Obst und Gemüse zu essen, eine nützliche Strategie sein, um metabolischen Lebererkrankungen vorzubeugen oder ihr Fortschreiten bei Menschen mit hohem Risiko zu verlangsamen“, so Xiang-Dong Wang.