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Macht ein niedriger Selbstwert wirklich aggressiver?
Verbreitete Annahme auf dem Prüfstand: Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl werden offenbar nicht deshalb später aggressiver. Eine Metaanalyse von 47 Längsschnitt-Stichproben mit 40.688 Teilnehmern findet keinen solchen Vorhersageeffekt. Umgekehrt könnte aggressives Verhalten den Selbstwert leicht senken, doch dieser Befund ist klein und in Zusatzanalysen nicht durchgängig stabil.
Bern (Schweiz). Wer wenig von sich hält, gilt im Alltag schnell als besonders verletzlich und damit womöglich auch als anfälliger für aggressive Reaktionen. In der Forschung wird jedoch seit Jahrzehnten darüber gestritten, ob niedriger Selbstwert tatsächlich späteres aggressives Verhalten begünstigt, während andere Hypothesen sogar eine „dunkle Seite“ besonders hohen Selbstwerts vermuten.
Dass Selbstwertgefühl und Aggression zusammenhängen, ist zunächst unstrittig: In Querschnittsdaten treten niedriger Selbstwert und stärkere Aggression häufiger gemeinsam auf. Doch daraus lässt sich nicht ablesen, was zuerst kommt oder ob stabile Unterschiede zwischen Menschen beide Merkmale gleichzeitig beeinflussen.
Forscher der Universität Bern um Jasmin A. Aebi haben deshalb die verfügbaren Längsschnittdaten in einer vorregistrierten Metaanalyse neu ausgewertet. Einbezogen wurden 47 unabhängige Stichproben aus 43 Forschungsberichten mit insgesamt 40.688 Teilnehmern, wobei das mittlere Alter der untersuchten Gruppen zu Beginn zwischen 8,9 und 25,4 Jahren lag. Die Abstände zwischen den Messungen reichten von rund 18 Tagen bis zwei Jahren, meist lagen sie bei ungefähr einem Jahr.
Entscheidend war dabei nicht nur die große Datenmenge: Das Team nutzte dynamische Panelmodelle, die sowohl frühere Werte von Selbstwert und Aggression als auch stabile Unterschiede zwischen Personen berücksichtigen. Dadurch lässt sich genauer prüfen, ob Veränderungen des einen Merkmals zeitlich Veränderungen des anderen vorhersagen.
Das Ergebnis der vorab geplanten Hauptanalyse war eindeutig: Weder niedriger noch hoher Selbstwert sagte spätere Aggression voraus. Auch in der Gegenrichtung ergab sich kein signifikanter zeitversetzter Effekt, und die entsprechenden Effektstärken lagen nahe null.
Gleichzeitig blieben Selbstwert und Aggression miteinander verbunden, denn Menschen mit stärkerer Aggressionsneigung hatten im Mittel häufiger einen niedrigeren Selbstwert. Eine zusätzliche Querschnittsanalyse ergab eine negative Korrelation von r = −0,17, doch dieser Zusammenhang beschreibt nur Unterschiede zwischen Menschen zu einem Zeitpunkt und belegt keine Ursache-Wirkungs-Richtung.
Damit widersprechen die Daten vor allem der verbreiteten Vorstellung, geringes Selbstwertgefühl sei für sich genommen ein Risikofaktor für spätere Aggression. Ebenso fanden die Forscher keinen Hinweis darauf, dass ein besonders hoher Selbstwert aggressives Verhalten fördert, wobei mögliche Einflüsse anderer Merkmale wie Narzissmus durch dieses Ergebnis nicht ausgeschlossen werden.
Eine nachträgliche Zusatzanalyse berücksichtigte genauer, dass die Zeitabstände der einzelnen Studien stark voneinander abwichen. Dabei zeigte sich ein kleiner statistisch signifikanter Effekt in der umgekehrten Richtung: Mehr Aggression ging mit etwas niedrigerem späterem Selbstwert einher. Der Effekt erreichte bei einem modellierten Abstand von rund 3,6 Monaten sein Maximum und blieb mit β = −0,03 sehr klein.
Dieser Befund ist allerdings weniger robust als die Hauptaussage, denn die kontinuierliche Zeitanalyse war nicht vorab als Hauptanalyse festgelegt und konnte nur 38 von 57 vorhandenen Effektstärken-Sätzen einbeziehen. In zwei Sensitivitätsanalysen war der Effekt von Aggression auf den späteren Selbstwert nicht mehr signifikant. Deshalb spricht die Studie hier eher für einen möglichen schwachen Zusammenhang als für einen gesicherten kausalen Effekt.