// SCINEXX — SPAZIO & SCIENZA
Skelett deutet auf Nasenamputation als Strafe im kaiserlichen China hin
Ein rund 700 Jahre altes Skelett aus Zentralchina könnte erstmals körperliche Spuren einer historischen Strafe zeigen, bei der Verurteilten die Nase amputiert wurde. Die Knochen einer 40 bis 45 Jahre alten Frau weisen verheilte Schäden an den Nasenbeinen auf. Auch ihre ungewöhnliche Bestattung mit dem Gesicht nach unten stützt diese Deutung, beweist sie aber nicht.
Sanmenxia (China). Schriftquellen berichten seit dem chinesischen Altertum von der Amputation der Nase als Körperstrafe, doch archäologische Belege dafür fehlten bislang. Nun weist das Skelett einer Frau aus der Zeit zwischen 1298 und 1404 Veränderungen auf, die nach Ansicht der Autoren am ehesten zu einer solchen Bestrafung passen.
Die Tote stammt aus dem Gräberfeld Sanzhiyuan bei Sanmenxia in der Provinz Henan, wo ihre Knochen bei einer Rettungsgrabung im Jahr 2019 geborgen wurden. Eine Radiokarbondatierung ordnet sie mit 95,4-prozentiger Wahrscheinlichkeit in die Jahre 1298 bis 1404 ein, während ihr Alter beim Tod auf etwa 40 bis 45 Jahre geschätzt wurde.
Für die neue Untersuchung analysierte das Team den Schädel anatomisch und mit Computertomografie, wobei beide Nasenbeine etwa auf halber Länge fehlten und weitere Strukturen rund um die Nasenöffnung deutlich geschädigt waren. Die Ränder mehrerer beschädigter Knochenbereiche waren jedoch verheilt. Die Verletzung entstand also zu Lebzeiten. Die weit fortgeschrittene Heilung spricht dafür, dass die Frau sie wahrscheinlich über Jahre überlebte.
Die knöcherne Nasenöffnung maß 34,35 Millimeter und war damit rund 35 Prozent breiter als der Mittelwert von 25,39 Millimetern bei 17 anderen Frauen aus dem Gräberfeld. Hinweise auf ausgeprägte Verletzungen benachbarter Gesichtsknochen oder der vorderen Zähne, wie sie bei einem schweren Unfall zu erwarten wären, fanden die Forscher nicht.
Auch Krankheiten als Ursache erscheinen nach der Differenzialdiagnose weniger wahrscheinlich, weil die Veränderungen weder gut zu typischen krebsbedingten Knochenzerstörungen noch zu den erwartbaren Mustern schwerer Infektionen, Syphilis oder Lepra passen. Andere Ursachen bleiben dennoch möglich. Dazu gehören eine Verletzung, eine Operation oder seltene Formen absichtlicher Selbstverstümmelung.
Ein zweiter Hinweis kommt von der Bestattung, denn unter 213 historischen Körpergräbern in Sanzhiyuan war M318 die einzige Person, die nach der Rekonstruktion der Fundlage auf dem Bauch und mit dem Gesicht nach unten lag. Solche Bauchlagen hatten in China je nach Epoche unterschiedliche Bedeutungen und sind für spätere Perioden teilweise mit Bestrafung, sozialer Ausgrenzung oder einem als abweichend angesehenen Status verbunden.
Zu diesem Bild passen die einfache Grabausstattung mit nur einer kupfernen Haarnadel und Isotopenwerte, die auf viel Hirse und vergleichsweise wenig tierisches Eiweiß in der Ernährung hindeuten. Beides wertet das Team als Hinweis darauf, dass die Frau wahrscheinlich nicht zur gesellschaftlichen Elite gehörte.
Historische Rechtsquellen machen die Strafhypothese plausibel, denn gegen Ende der Yuan-Dynastie konnte Nasenamputation unter anderem auf den Diebstahl von Rindern oder Pferden folgen. Bei anderen Nutztieren drohte sie teils erst nach wiederholten Vergehen, doch ob M318 tatsächlich wegen eines Diebstahls oder überhaupt wegen eines Verbrechens bestraft wurde, ist unbekannt.
Die Kombination aus gezielter Schädigung im Nasenbereich, deutlicher Heilung und ungewöhnlicher Bauchbestattung macht eine punitive Nasenamputation für die Autoren zur plausibelsten Erklärung. Ein endgültiger Beweis ist das nicht. Sollte sich diese Deutung bestätigen, wäre M318 der erste archäologische Nachweis einer solchen Strafe in China und zugleich ein Hinweis auf eine Versorgung, durch die die Frau nach der schweren Verstümmelung noch lange leben konnte.