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Tiefenbohrung enthüllt Gletscher, der die letzte Eiszeit überdauerte
Gefrorenes Klimaarchiv: Eisbohrkerne von der Guliya-Eiskappe im nordwestlichen Tibet reichen offenbar weit über 100.000 Jahre zurück. Neue Datierungen und Vergleiche mit Höhlenarchiven stützen eine Zeitskala bis mindestens 128.000 Jahre. Damit könnte Guliya eines der ältesten erhaltenen Hochgebirgs-Klimaarchive außerhalb der Polarregionen sein.
Columbus (U.S.A.). Eisbohrkerne sind Klimaarchive, doch ihr Wert hängt entscheidend von einer belastbaren Zeitskala ab. Wie weit ein Kern tatsächlich zurückreicht, muss deshalb mit unabhängigen Datierungen und Vergleichsarchiven abgesichert werden. Gerade bei der Guliya-Eiskappe im nordwestlichen Tibet war diese Chronologie zuletzt umstritten.
Eine 2025 veröffentlichte Radiometrie an einem 2021 nahe dem alten Bohrplatz gewonnenen Kern hatte in 175,1 Metern Tiefe ein Alter von weniger als 3.000 Jahren ergeben. An der stratigrafisch entsprechenden Tiefe des 1992er Kerns waren zuvor rund 100.000 Jahre angenommen worden. Das stellte die lange Guliya-Chronologie infrage.
Für die neue Arbeit hat ein internationales Forscherteam einen rund 310 Meter langen, 2015 gebohrten Eiskern mit dem etwa 309 Meter langen Kern von 1992 verglichen. In beiden fanden die Wissenschaftler ähnliche Muster des Sauerstoffisotops δ18O. Die Übereinstimmung zeigt, dass die Isotopensignale der beiden tiefen Kerne reproduzierbar sind.
Dass die beiden Kerne trotz eines Abstands von rund einem Vierteljahrhundert vergleichbare Veränderungen zeigen, ist für die Zeitskala besonders wichtig.
„Die Reproduzierbarkeit der Aufzeichnungen innerhalb einer Eiskappe ist äußerst wichtig. Wenn man ein identisches Archiv ein Vierteljahrhundert später erneut erhält, verrät das viel über das Verhalten des Eises im Lauf der Zeit“, erklärt Erstautor Prof. Lonnie G. Thompson von der The Ohio State University.
Zur Datierung nutzte das Team die radioaktiven Isotope Beryllium-10 und Chlor-36. Ihre Signale erlaubten es, im Eis die Laschamp-Exkursion zu verorten, eine markante Abweichung des Erdmagnetfelds vor rund 41.000 Jahren. Das Verhältnis von Chlor-36 zu Beryllium-10 im 2015er Kern bestätigt außerdem ein Alter von mehr als 100.000 Jahren.
Weitere Anhaltspunkte liefern Vergleiche mit einem δ18O-atm-datierten Guliya-Gipfelkern und einem Sauerstoffisotopen-Archiv aus einer Höhle im asiatischen Monsunraum. Zusammen stützen diese Daten eine Zeitskala bis mindestens 128.000 Jahre. Radiokarbondatiertes Eis vom Rand der Eiskappe liefert zusätzliche Hinweise auf erhaltenes Eis aus einer Kaltzeit.
„Das ist ein wirklich entscheidender Befund, denn außerhalb der Polarregionen ist dies der einzige Eisbohrkern aus einem Hochgebirge, der so weit zurückreicht. Die Archive vom Huascarán reichen nur über gut 30.000 Jahre zurück, nicht über 100.000, und genau das macht Guliya zu einem wirklich einzigartigen Archiv“, sagt Thompson.
Die neue Arbeit stärkt damit die Sicht, dass die Guliya-Eiskappe zumindest an den untersuchten Stellen Eis aus der letzten Kaltzeit bewahrt. Sie löst den Widerspruch zum 2021er Kern aber nicht vollständig. Die Studien untersuchen verschiedene Kerne mit verschiedenen Datierungssystemen. Weitere direkte Vergleichsmessungen dürften deshalb nötig sein, um die stark voneinander abweichenden Zeitskalen zu erklären.