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Versunkene Siedlung war wichtiger Knotenpunkt der Seidenstraße
Unter dem flachen Wasser des Issyk-Kul in Kirgistan liegt ein ausgedehntes mittelalterliches Siedlungsgebiet. Neue Expeditionen zeigen Backsteinbauten, Werkplätze und einen muslimischen Friedhof, doch erst 15 bis 20 Prozent des Areals sind untersucht. Die Funde zeichnen Toru-Aygyr als wichtigen Knotenpunkt der Seidenstraße, dessen genaue Chronologie und Untergang weiter erforscht werden.
Moskau (Russland). Der Issyk-Kul ist heute vor allem für seine Größe und die Gebirgslandschaft des Tianshan bekannt, doch im Mittelalter verlief an seinem Nordufer ein wichtiger Verkehrsraum der Seidenstraße. Südlich des heutigen Dorfes Toru-Aygyr liegen Teile dieser Kulturlandschaft inzwischen in wenigen Metern Wassertiefe, wo Archäologen seit 2023 systematisch einen Komplex aus Siedlungsresten und Gräberfeldern untersuchen.
Die 2023 und 2024 untersuchten Flächen enthielten Mauern aus gebrannten Ziegeln, mögliche Öfen oder Tandoors, Keramik, Tierknochen, Schlacke und erhaltene Kulturschichten. Eine 2025 veröffentlichte Fachstudie bestätigt damit, dass ein größerer mittelalterlicher Siedlungskomplex unter Wasser geraten ist, während jüngere Expeditionen dieses Bild um weitere Bauten, Gräber und Hinweise auf Handwerk und Handel erweitern.
Im Feldjahr 2025 kartierte das Team vier Bereiche in ein bis vier Metern Tiefe, wobei Unterwasser-Drohnen und photogrammetrische Aufnahmen halfen, Mauerreste und Fundstellen präzise einzumessen. Auf einem Abschnitt lagen gebrannte Ziegel neben einem Mühlstein, und an anderer Stelle bohrten die Forscher durch versunkene Lehmwände und alte Bodenhorizonte, um die Entwicklung der Siedlung zu rekonstruieren.
Die offizielle Projektseite schätzt die Gesamtfläche des versunkenen Komplexes auf rund fünf Quadratkilometer, doch bislang ist nur ein kleiner Teil systematisch untersucht. Die Befunde sprechen für ein städtisch geprägtes Zentrum, aber die Forscher vermeiden eine endgültige Einstufung als Stadt, weil eindeutige schriftliche Belege, eine nachgewiesene Befestigung oder klare Spuren einer regionalen Verwaltung bislang fehlen. Die Projektbilanz spricht deshalb vorerst von einer Siedlung städtischen Typs.
„Die Expedition erforscht den versunkenen archäologischen Komplex Toru-Aygyr bereits in der vierten Feldsaison. Bis heute sind höchstens 15 bis 20 Prozent der Fläche untersucht, doch schon jetzt ist klar, dass dies ein großer, dicht besiedelter und wichtiger Punkt an der Seidenstraße war, der im 11. und 12. Jahrhundert blühte. Unsere Arbeiten befinden sich jetzt in der interessantesten Phase, weil statistisches Material vorliegt, Schlüsselproben gesammelt sind und die Methoden erarbeitet wurden“, erklärt Maxim Menshikov vom Institut für Archäologie der Russischen Akademie der Wissenschaften (ИА РАН).
Besonders aussagekräftig ist ein muslimischer Friedhof aus dem 13. und 14. Jahrhundert, auf dessen etwa 300 mal 200 Meter großer Fläche die Archäologen Bestattungen mit islamischer Ausrichtung fanden. Zwei Skelette wurden geborgen, bevor die Erosion sie weiter zerstören konnte, während südlich der Hauptsiedlung zusätzlich drei möglicherweise ältere Gräber zum Vorschein kamen.
„Der Abschnitt der Seidenstraße im Gebiet des Issyk-Kul stand unter der Kontrolle der Karachaniden. Die Chinesen betrachteten dieses Gebiet als ihre Interessensphäre, konnten es aber nicht kontrollieren. Dennoch sehen wir, dass dieser Ort in chinesischen Quellen erscheint. Das gibt uns Hoffnung, die historischen Überlieferungen mit den Ergebnissen unserer archäologischen Ausgrabungen abzugleichen. Im 13. Jahrhundert fand der Islam unter dem Einfluss der Goldenen Horde eine sehr weite Verbreitung in der Region“, ergänzt Maxim Menshikov.
Die Forscher vermuten, dass der muslimische Friedhof in diese Phase der stärkeren Islamisierung gehört, während die drei weiter südlich gefundenen Gräber zu einem älteren Gräberfeld gehören könnten. Beide Deutungen sollen durch weitere Datierungen und die Auswertung historischer Quellen präzisiert werden.