// SCINEXX — SPAZIO & SCIENZA
Weltkarte zeigt die größten ökonomischen Gewinner und Verlierer des Klimaschutzes
Ungleiche Chancen: Strenger Klimaschutz verändert nicht nur den Ausstoß von Treibhausgasen, sondern auch den Wert von Öl, Wäldern und erneuerbaren Energien. Eine Modellanalyse für 169 Länder zeigt, dass Staaten mit besonders großen Vorteilen oft nur wenig wirtschaftliche Macht besitzen. Die größten Volkswirtschaften erwarten dagegen vergleichsweise moderate Veränderungen ihrer untersuchten Vermögenswerte.
Potsdam (Deutschland). Die Erderwärmung zu begrenzen, liegt langfristig im gemeinsamen Interesse der Staaten. Doch die wirtschaftlichen Folgen einer konsequenten Klimapolitik verteilen sich höchst ungleich: Erdöl- und Gasvorkommen verlieren an Bedeutung, während die Möglichkeiten zur Stromerzeugung aus Sonne und Wind wertvoller werden. Auch die Schäden, die durch weniger Erwärmung ausbleiben, sind von Land zu Land verschieden.
Genau darin könnte ein Hindernis für internationale Abkommen liegen. Denn Staaten verhandeln nicht nur über das globale Klima, sondern auch über Einnahmen, Ressourcen und ihre künftige wirtschaftliche Stellung. Bislang fehlte eine vergleichbare Übersicht, die mehrere dieser Interessen gleichzeitig auf Länderebene erfasst.
Forscher des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) um Dr. Guanna Pan haben deshalb die klimapolitisch wichtigen Vermögenswerte von 169 Ländern untersucht. Dazu verknüpften sie Energie- und Klimamodelle mit wirtschaftlichen Schadensabschätzungen sowie Daten über die Vegetation. Verglichen wurden ein weitreichender, ein mittlerer und ein weniger ambitionierter Klimaschutzpfad bis zur Mitte und zum Ende des Jahrhunderts.
Das Team betrachtete vier Größen: entgangene Einnahmen aus der Förderung von Kohle, Öl und Gas, vermiedene wirtschaftliche Klimaschäden, das Potenzial für Solar- und Windenergie sowie die Fähigkeit von Landflächen, Kohlenstoff zu speichern. Für die beiden letzten Größen schätzten die Modelle den Wert möglicher Emissionsminderungen. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass ein Staat diese Einnahmen tatsächlich erzielt oder sein Bruttoinlandsprodukt entsprechend wächst.
Anhand der vier Größen haben die Wissenschaftler Länder mit ähnlichen wirtschaftlichen Ausgangslagen in fünf Gruppen eingeteilt. Die Gruppen beschreiben somit charakteristische Muster von Chancen und Risiken. Sie sind keine Rechnung, bei der sich alle Gewinne und Verluste zu einem eindeutigen nationalen Saldo addieren lassen.
Drei der fünf Gruppen umfassen zusammen 81 Länder, vor allem im globalen Süden. Bei 51 Staaten fällt ins Gewicht, wie viel wirtschaftlichen Schaden eine strengere Klimapolitik verhindern könnte. Weitere 13 Länder verfügen über besonders günstige Voraussetzungen für Solar- und Windkraft, häufig in Afrika. In 17 anderen Ländern spielt die Fähigkeit von Wäldern und anderen Flächen, Kohlenstoff zu binden, eine herausragende Rolle.
Anders sieht es bei 19 stark von fossilen Brennstoffen abhängigen Staaten aus. Sie könnten erhebliche Einnahmen verlieren, wenn die Nachfrage nach Öl, Gas und Kohle sinkt. Zusammen stehen diese Länder allerdings nur für rund sechs Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. Die drei Ländergruppen mit den ausgeprägten Klimaschutzchancen kommen gemeinsam auf etwa 13 Prozent.
„Wir erkunden geopolitische Spannungen, die sich daraus ergeben können, dass einige Länder Verluste erleiden“, erklärt Dr. Guanna Pan.
Besonders aufschlussreich ist die fünfte Gruppe: 69 Länder mit vergleichsweise moderaten Veränderungen in den untersuchten Vermögenswerten. Dazu gehören die USA, China, Deutschland und weitere Staaten der Europäischen Union. Diese Gruppe vereint rund 81 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung und damit einen großen Teil des wirtschaftlichen Gewichts in internationalen Verhandlungen.