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Straftaten: Nach Krebsdiagnose werden Menschen häufiger verurteilt
Eine Krebsdiagnose kann neben dem körperlichen Leiden auch soziale und wirtschaftliche Folgen haben. Eine Analyse von Registerdaten zu mehr als 368.000 Krebspatienten in Dänemark zeigt, dass die jährliche Wahrscheinlichkeit einer strafrechtlichen Verurteilung nach der Diagnose relativ um 14 Prozent stieg. Finanzielle Einbußen und eine veränderte Bewertung künftiger Strafen könnten dazu beitragen.
Tilburg (Niederlande). Eine schwere Erkrankung kann neben den gesundheitlichen Folgen auch die berufliche und finanzielle Existenz erschüttern. Besonders bei Krebs führen Therapien, längere Ausfallzeiten oder eine eingeschränkte Erwerbsfähigkeit häufig zu Einkommensverlusten, selbst wenn die medizinische Versorgung abgesichert ist. Ob solche gesundheitlichen Einschnitte auch das Verhalten außerhalb des Arbeitslebens verändern, war bisher nur unzureichend untersucht.
Bei einer Krebsdiagnose kommt hinzu, dass sich Erwartungen über die eigene Zukunft verändern können. Wer mit einer verkürzten Lebenszeit rechnet, könnte langfristige Konsequenzen anders bewerten. Das betrifft möglicherweise auch die Abwägung, ob eine Straftat begangen wird.
Forscher der Tilburg University um Prof. Kim Peijnenburg haben nun dänische Gesundheits-, Einkommens- und Strafregister für den Zeitraum 1980 bis 2018 zusammengeführt. Die Untersuchung umfasst 368.317 Menschen, die im Alter zwischen 18 und 62 Jahren an Krebs erkrankten. Um Altersunterschiede und unveränderliche persönliche Eigenschaften zu berücksichtigen, verglich das Team bereits diagnostizierte Patienten mit gleichaltrigen Menschen, deren Krebsdiagnose erst später erfolgte.
„Wichtige Gründe dafür, dass wir uns auf Krebsdiagnosen konzentriert haben, sind die Schwere der Erkrankung und die Tatsache, dass mehr als jeder dritte Mensch im Laufe seines Lebens Krebs bekommt“, erklärt Prof. Kim Peijnenburg.
Im Diagnosejahr ging die Verurteilungswahrscheinlichkeit zunächst zurück, möglicherweise wegen der Behandlungen und körperlicher Einschränkungen. Ab dem zweiten Jahr nach der Diagnose zeigte sich dagegen ein Anstieg, der über mehr als zehn Jahre nachweisbar blieb. Im Mittel erhöhte sich die jährliche Wahrscheinlichkeit einer Verurteilung um 0,10 Prozentpunkte. Bezogen auf das Ausgangsniveau von 0,69 Prozent entspricht dies einem relativen Anstieg um rund 14 Prozent.
Die absolute Veränderung bleibt damit klein. Rechnerisch erhöht sich die jährliche Wahrscheinlichkeit von rund 0,69 auf 0,79 Prozent. Der Effekt betrifft sowohl erstmalige Straftaten als auch erneute Delikte von bereits zuvor verurteilten Personen. In der Analyse nahmen beide Gruppen mit ähnlicher relativer Größenordnung zu.
Insbesondere Eigentumsdelikte wie Diebstahl und Betrug wurden nach einer Diagnose häufiger registriert. Auch bei Gewaltdelikten fand sich ein Anstieg, nicht aber bei Sexualdelikten ein statistisch gesicherter Effekt. Der Zusammenhang konzentrierte sich vor allem auf Männer, Alleinstehende und Menschen ohne Wohneigentum. Für Frauen ließ sich kein statistisch signifikanter Anstieg nachweisen.
Die Forscher identifizierten wirtschaftliche Einbußen als einen wesentlichen Erklärungsansatz. Nach einer Krebsdiagnose ging das Arbeitseinkommen im Durchschnitt um 4,8 Prozent zurück, das gesamte Einkommen einschließlich staatlicher Leistungen hingegen um 1,5 Prozent. Besonders bei Menschen, deren finanzielle Lage stärker beeinträchtigt war, stiegen nach der Diagnose die registrierten Verurteilungen häufiger an.
Weil die Gesundheitsversorgung in Dänemark allgemein abgesichert ist, lässt sich der Befund nicht allein mit unbezahlbaren Behandlungskosten erklären. Das Team vermutet vielmehr, dass manche Patienten versuchen, wegfallende legale Einkünfte durch illegale Aktivitäten auszugleichen. Daneben könnte eine gesunkene Lebenserwartung die subjektiv erwarteten Kosten einer erst in der Zukunft wirksamen Strafe verringern.