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Kinder waren schon im Mittelalter stark mit Blei belastet
Schon lange vor der industriellen Revolution hinterließ die Metallgewinnung gesundheitlich bedenkliche Spuren. Analysen menschlicher Zähne aus dem englischen Peak District zeigen, dass manche Kinder bereits im siebten Jahrhundert Bleimengen aufnahmen, die mit den Belastungen späterer Industriestädte vergleichbar sind. Zugleich legen die Funde nahe, dass diese Belastung innerhalb der mittelalterlichen Gesellschaft höchst ungleich verteilt war.
Nottingham (England). Schon im Römischen Reich belastete die Bleigewinnung die Umwelt. Auch im mittelalterlichen Europa war das Metall gefragt, etwa für Bauarbeiten, Geräte und andere Erzeugnisse. Wie früh sich die Produktion nach dem Ende der römischen Herrschaft in Britannien wieder etablierte und wie sehr die Anwohner darunter litten, blieb bislang aber schwer zu rekonstruieren.
Denn spätere Bergleute haben zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert ältere Abfälle erneut eingeschmolzen und dadurch viele archäologische Spuren beseitigt. Die Körper der damaligen Menschen bewahrten jedoch Hinweise auf die Belastung, die in den ehemaligen Produktionsstätten selbst kaum noch zu finden sind.
Forscher der University of Nottingham um Prof. Christopher P. Loveluck haben dafür den Zahnschmelz von 15 mittelalterlichen Menschen aus drei Friedhöfen im Peak District untersucht. Hinzu kamen zwei ältere Vergleichsfunde aus der Eisenzeit. Das Team kombinierte chemische Messungen mit Radiokarbondatierungen und verglich die Werte mit Funden aus anderen britischen Regionen.
Der Zahnschmelz bildet sich im Kindesalter und wird später kaum verändert. Deshalb speichert er die Bleimengen, die ein Mensch während der Bildung der untersuchten Zähne ungefähr zwischen vier und zwölf Jahren aufnahm. Die Messungen erlauben somit Aussagen über die Kindheit der Bestatteten, nicht über ihre Bleibelastung zum Zeitpunkt des Todes.
Die untersuchten Gräber stammen von Wigber Low aus dem siebten Jahrhundert sowie von Joule Yard und Spital Field bei Castleton, wo Menschen bis in das Spätmittelalter bestattet wurden. Ausgrabungen an diesen Fundorten halfen, die chemischen Befunde mit der Geschichte der Bergbausiedlungen zu verbinden.
„Unsere jüngsten Ausgrabungen in Castleton haben viele neue Erkenntnisse über die Menschen geliefert, die im Mittelalter im Hope Valley lebten“, erklärt Colin Merrony von der University of Sheffield.
Die frühesten Untersuchungsproben belegen, dass im Peak District spätestens seit der Mitte des siebten Jahrhunderts wieder Blei gewonnen und verarbeitet wurde. Einzelne Personen aus dieser Zeit wiesen bereits Bleikonzentrationen auf, wie sie auch in Funden aus Industriestädten des 18. und 19. Jahrhunderts nachgewiesen wurden. Die Belastung war allerdings nicht in allen frühen Gräbern gleich hoch.
Insgesamt enthielten die Zähne von 14 der 15 mittelalterlichen Menschen mehr als zehn Teile Blei pro Million Teile Zahnschmelz. Bei vier Personen überschritten die Werte sogar 40 Teile pro Million. In der etwas jüngeren Gruppe vom Friedhof Joule Yard lagen alle fünf gemessenen Werte über 25 Teilen pro Million, was auf eine stark belastete Lebensumwelt spätestens im achten Jahrhundert hindeutet.
Auch in den folgenden Jahrhunderten blieb die Belastung hoch. Die höchsten Werte der spätmittelalterlichen Funde lassen sich auf das späte zwölfte und frühe dreizehnte Jahrhundert datieren. Dies passt zu historischen Aufzeichnungen über den Höhepunkt der regionalen Bleiproduktion und zu Bleispuren in alpinen Eisbohrkernen sowie europäischen Seesedimenten.