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Werden Bücher zur nächsten Aufgabe auf unserer To-do-Liste?
Neulich hatte ich wieder so einen kulturpessimistischen Moment. Innerhalb kurzer Zeit hatte ich nicht nur ein-, sondern zweimal beobachtet, wie Frauen in der Sauna ein Buch lasen. Eigentlich gilt ja die Feuilletonisten-Regel »Drei sind ein Trend«, aber da sind wir jetzt mal nicht so streng. Die Frauen kamen rein, drehten die Sanduhr um, breiteten sich aus und schlugen ihre Bücher auf. Ich weiß nicht, was sie lasen, den Titel zu entziffern hätte bedeutet, zu lange zu zielgerichtet in ihre Richtung zu schauen, was in der Sauna nicht so gut ankommt. Darum geht es aber auch nicht.
Der Akt des In-der-Sauna-Lesens kam mir vor wie der verzweifelte Höhepunkt der weiblichen Freizeitgestaltung im Spätkapitalismus. Wo Arbeit Lohnarbeit ist und Familienzeit Care-Arbeit und Zeit mit dem Partner emotionale Arbeit, sind die wenigen, wirklich sehr wenigen kostbaren Stunden, die man nur mit sich selbst verbringt, so zu genießen, dass man alles in sie reinpackt. 15 Minuten Sauna? Da schafft man doch noch zwei Kapitel! Aber wird das dann nicht auch zu… Arbeit?
Ich erinnerte mich an eine auf dem Laufband laufende Frau im selben Fitnessstudio, die ebenfalls ein Buch vor sich aufgeschlagen hatte, und an eine andere, die ich den Kinderwagen schiebend mit einem Roman in der Hand gesehen hatte.
Ich wollte schon verzweifeln, wurde davon aber wenig später abgebracht. Denn auch dieses Jahr bin ich in der Jury des SPIEGEL-Buchpreises, der übrigens am 16. November vergeben wird. Wir werden Sie in unserem Literatur-Newsletter, den Sie gerade lesen und den Sie übrigens hier abonnieren können, auf dem Laufenden halten. Zur Hochphase der Juryarbeit musste ich auf jeden Fall 20 Romane in etwa acht Wochen lesen. Ich dachte also an die Sauna-Leserinnen, channelte meine innere Rory Gilmore, es war schließlich Herbst, und packte immer mindestens ein Buch ein, manchmal auch zwei, wenn ich absehen konnte, dass ich eines im Laufe des Tages fertig lesen würde. Ich las im Bus und in der U-Bahn, beim Warten in der Garderobe der Kita, auf dem Spielplatz sowieso. Keine Zeit war zu gering, keine Supermarktkassenschlange zu kurz, um nicht zumindest einen Absatz voranzukommen.
Gilmore Girls Lorelei, Rory: Ja, das Lesen war Arbeit
Ich las effektiv und gezielt. Und trotzdem stellte sich nach kurzer Zeit etwas ein, womit ich nicht gerechnet hatte: Ja, das Lesen war Arbeit. Aber das Leben war insgesamt einfach viel besser dadurch, dass man jederzeit entfliehen konnte. Und war nicht ohnehin alles Arbeit, das Warten im Supermarkt und das Warten auf den Bus, das Spielen mit dem Kind und das Reden mit der Frau, und vor allen Dingen das Reden mit mir selbst, das Zeitverbringen-mit-mir-selbst, schrecklichste Arbeit? Und so schien die Lese-Arbeit zumindest das kleinste Übel zu sein, um, wie es Robert Musils Mann ohne Eigenschaften einmal so schön gesagt hat, Urlaub vom eigenen Leben zu nehmen. Und wer, bitteschön, arbeitet nicht im Urlaub.
Xaver von Cranach ist Autor im Kultur-Ressort. Gerade liegen auf seinem Nachttisch Bücher mit den Titeln: »Du mußt dein Leben ändern«, »Wuthering Heights« und »Stranger than Fiction: Das 20. Jahrhundert in 30 Romanen«. Das heißt aber leider nicht, dass er sie auch liest.
Von Colson Whitehead habe ich bisher nur das Buch gelesen, mit dem er international den Durchbruch hatte: »Underground Railroad«. Darin ging es um ein unterirdisches Tunnelsystem, durch das Sklaven aus den Südstaaten zu entkommen versuchten. Ein düsterer, schwerer, politischer Roman. Whitehead kann aber auch ganz anders, wie er in seiner New-York-Trilogie zeigt, die er mit »Cool Machine« nun zum Abschluss bringt. Mein Kollege Christian Buß konnte Whitehead in New York treffen, gemeinsam schlenderten sie durch die Straßen und man bekommt ein Gefühl dafür, was es heißen muss, als Schriftsteller, der die Augen und Ohren immer offen hat, in dieser Stadt zu leben.
Meistens sage ich Stendhals »Rot und Schwarz«, weil es mir früh beigebracht hat, dass die allermeisten Dinge des Lebens