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Warum hatten Neandertaler flachere Füße und breite Fersen?
Das Fersenbein der Neandertaler war kürzer, breiter und höher als das von Homo sapiens. Eine dreidimensionale Analyse fossiler Knochen deutet darauf hin, dass ihre Füße beim Gehen stärker nach innen geneigt waren und ein niedrigeres äußeres Längsgewölbe besaßen. Diese Bauweise könnte beim Tragen großer Lasten auf unebenem Boden von Vorteil gewesen sein.
Bologna (Italien). Der menschliche Fuß muss bei jedem Schritt das Körpergewicht auffangen und zugleich für den nächsten Abdruck beweglich bleiben. Dabei spielt das Fersenbein eine Schlüsselrolle, weil es Kräfte vom Boden in den übrigen Fuß überträgt und an der Stabilisierung des Fußgewölbes beteiligt ist. Seine Form kann deshalb Hinweise auf die Belastungen geben, denen ein Mensch im Alltag ausgesetzt war.
Für Neandertaler lässt sich die Fußhaltung nur indirekt aus fossilen Knochen rekonstruieren. Besonders die Frage, wie stark ihre Fußgewölbe ausgeprägt waren, berührt das Verständnis ihrer Fortbewegung und ihrer Anpassung an schwieriges Gelände. Einzelne Knochenmerkmale geben dabei wichtige Hinweise, erlauben aber keine unmittelbare Beobachtung des Gangs.
Forscher der Università degli Studi di Palermo (UNIPA) um Prof. Rita Sorrentino haben die äußere Form von Fersenbeinen mithilfe dreidimensionaler Modelle untersucht. Dafür verglichen sie die Fersenbeine von sieben Neandertalern mit 64 Exemplaren von Homo sapiens aus unterschiedlichen Epochen und Lebensweisen. Die Knochenmodelle entstanden aus Laserscans und computertomografischen Aufnahmen und wurden anschließend mit geometrischen Formanalysen ausgewertet.
Die Fersenbeine der Neandertaler erwiesen sich im Vergleich als kürzer, breiter und höher. Dies könnte die Übertragung großer Kräfte über den hinteren Fußbereich erleichtert und die Beweglichkeit unter hoher Belastung unterstützt haben. Die Untersuchung beschreibt damit eine andere anatomische Lösung, nicht bloß eine kräftigere Variante der Ferse des Homo sapiens.
„Die Robustheit des Fersenbeins spiegelt den gesamten Körperbau der Neandertaler wider, der von beträchtlicher Muskel- und Knochenmasse und einem äußerst hohen Maß körperlicher Aktivität geprägt war“, erklärt Prof. Maria Giovanna Belcastro von der Università di Bologna (UNIBO).
An den Gelenkflächen des Fersenbeins fanden sich weitere Unterschiede. Deren Form und Ausrichtung sprechen dafür, dass die Füße der Neandertaler möglicherweise häufiger nach innen geneigt waren, eine als Pronation bezeichnete Stellung. Zugleich deutet ein kleinerer seitlicher Fortsatz an der Unterseite des Knochens auf andere Ansatzstellen von Bändern hin, die das Fußgewölbe stützen.
Nach der anatomischen Rekonstruktion dürfte vor allem das äußere, seitliche Längsgewölbe niedriger gewesen sein. Das könnte dem mittleren Fußbereich mehr Beweglichkeit verliehen und zugleich die Stabilität auf felsigem oder unebenem Untergrund begünstigt haben. Die Annahme flacherer Füße beruht jedoch auf der Form der erhaltenen Knochen und funktionellen Vergleichen, nicht auf einer direkten Messung des Fußgewölbes.
„Diese körperlichen Merkmale deuten auf eine Anpassung hin, die eine größere Tragfähigkeit des hinteren Fußbereichs und eine hohe Beweglichkeit auf unebenem Gelände begünstigte“, erklärt Prof. Maria Giovanna Belcastro.
Innerhalb von Homo sapiens zeigten sich ebenfalls Unterschiede. Fersenbeine vorgeschichtlicher Jäger und Sammler, die weite Strecken zu Fuß zurücklegten, ähnelten in ihrer Robustheit eher denen der Neandertaler als Exemplaren aus jüngeren städtischen Populationen. Der Vergleich umfasste zudem Menschen aus landwirtschaftlich geprägten Gesellschaften und unterschiedlichen Zeiträumen.