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Mittelalterliche Stadthygiene hat die Verbreitung von Spulwürmern begünstigt
Gut gemeint, mit unerwünschten Folgen: Im mittelalterlichen Trondheim sollten neue Regeln die Straßen sauberer machen. Doch Fäkalien gelangten offenbar als Dünger auf die Felder und mit der Nahrung zurück zu den Menschen. Archäologische Befunde deuten auf einen Kreislauf hin, der die Verbreitung von Spulwürmern begünstigt haben könnte.
Trondheim (Norwegen). Die wachsenden Städte des Hochmittelalters mussten immer mehr Abfälle und menschliche Ausscheidungen bewältigen. In der norwegischen Stadt Nidaros, dem heutigen Trondheim, entwickelten sich deshalb Regeln und gemeinschaftliche Praktiken für die Entsorgung. Was die Bewohner von den Straßen fernhalten wollten, konnte allerdings an anderer Stelle zum Gesundheitsrisiko werden.
Denn im Mittelalter galten üble Gerüche häufig selbst als Ursache von Krankheiten. Der Transport von Latrineninhalt aus dem dicht bebauten Stadtkern schien daher eine vernünftige Vorsichtsmaßnahme zu sein. Doch ausgerechnet die anschließende Nutzung dieses Materials könnte einen gefährlichen Kreislauf eröffnet haben.
Im Forschungsprojekt MedHeal600 des Universitätsmuseums der Norwegian University of Science and Technology (NTNU) wird untersucht, wie Menschen in Trondheim zwischen 1000 und 1600 lebten und mit Gesundheitsgefahren umgingen. Die Archäologin Elisabeth Forrestad Swensen hat sich dabei insbesondere mit Trinkwasser, Abwässern, Latrinen und Abfallgruben beschäftigt.
Archäologische Befunde zeigen, dass die Einwohner Fäkalien schon damals getrennt von anderem Unrat sammelten. Später wurde Latrineninhalt zunehmend zu Gruben außerhalb des Stadtkerns transportiert. Damit sollten Gestank und Schmutz aus den dicht bewohnten Vierteln verschwinden.
„Die Stadt ergriff Maßnahmen, um die Hygiene zu verbessern, die Straßen sauberer zu halten und Abfälle zu entsorgen“, erklärt Professor Axel Christophersen.
Der historische Hintergrund war auch politisch: Im ausgehenden 13. Jahrhundert übernahmen örtliche Gemeinschaften zunehmend Verantwortung für gemeinsame Aufgaben, während königliche Amtsträger deren Erledigung kontrollierten. Das lässt Ansätze gemeinschaftlicher Gesundheitsvorsorge erkennen, ohne dass damit schon ein modernes Gesundheitswesen existierte.
Die entscheidende Kehrseite zeigte sich offenbar außerhalb der Stadt. Dort wurde der aus den Latrinen stammende Abfall dem Dünger beigemischt, der anschließend auf landwirtschaftliche Flächen gelangte. Damit konnten auch Darmparasiten vom Menschen über den Acker zurück in die Nahrung gelangen.
Bei menschlichen Spulwürmern sind es die Eier, nicht die ausgewachsenen Würmer, die diesen Weg nehmen. Sie werden mit dem Kot ausgeschieden, entwickeln sich im Boden zu infektiösen Stadien und können an ungewaschenem Gemüse haften. Werden die Eier verschluckt, kann eine neue Infektion entstehen. Der Kreislauf ist biologisch gut erklärbar, auch wenn seine damalige Häufigkeit nicht direkt beobachtet werden kann.
Aus den untersuchten Latrineninhalten leitet Swensen Hinweise auf einen sehr weit verbreiteten Spulwurmbefall ab. Die öffentlich zugänglichen Angaben erlauben jedoch keine unabhängige Überprüfung der Aussage, nahezu die gesamte Stadtbevölkerung sei betroffen gewesen. Auch der Zusammenhang zwischen der Entsorgungspraxis und der Verbreitung der Infektionen bleibt eine archäologische Interpretation und kein experimentell nachgewiesener Ursache-Wirkungs-Beleg.