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Prozess gegen İmamoğlu: Wenn der Angeklagte nur per Fernglas zu sehen ist
Ein überdimensionierter Gerichtssaal, ein fragwürdiges Verfahren: Seit März läuft der Prozess gegen Istanbuls abgesetzten Oberbürgermeister İmamoğlu. BIslang durfte er sich nicht verteidigen.
Es ist früher Montagmorgen, die Sonne brennt bereits jetzt unerbittlich heiß vom Himmel - und dennoch haben sich vor dem Gerichtsgebäude der Strafanstalt Silivri, etwa anderthalb Stunden von Istanbul entfernt, erste Schlangen gebildet. Es ist eine Premiere: Zum ersten Mal findet der sogenannte IBB-Prozess, die türkische Abkürzung für die Stadtverwaltung Istanbul, in einem neuen Gebäude statt, dessen Saal mehr als 2.400 Menschen fasst.
Angeklagt sind mehr als 400 Menschen, der bekannteste von ihnen: Ekrem İmamoğlu, Istanbuls letzter gewählter Oberbürgermeister, der im März 2025 verhaftet und abgesetzt wurde.
Vor dem Gebäude teilen sich die Menschen in zwei Schlangen auf: In der rechten stehen Anwälte, wenige ausländische Diplomaten und Pressevertreter, in der linken hingegen: Familienangehörige von Angeklagten und Zuschauer.
Ekrem İmamoğlu wurde im März 2025 als Oberbürgermeister abgesetzt und festgenommen.
Eine von ihnen ist Fotografin Gülen, die mit zwei Freundinnen gekommen ist. "Es ist mir wichtig, Unterstützung zu zeigen", beginnt die Frau Mitte 50. "Ich kann nicht nur zu Hause vor dem Fernseher sitzen und zuschauen und mich dann aufregen. Ich empfinde als Bürgerin eine Verantwortung, dabei zu sein. Für mich ist das hier das Wichtigste, was in der Türkei gerade passiert: Der Kampf um unsere Demokratie." Immer wenn sie Zeit finde, komme sie hierher.
Die meisten um sie herum sind Mitglieder der CHP, die bisherige Partei von Ekrem İmamoğlu und bislang die größte Oppositionspartei im Land. Doch nach der Absetzung des Parteivorstands durch die Justiz - wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten auf einem Parteitag im Jahr 2023 - wurde vor wenigen Wochen die Partei Yeni Parti gegründet - übersetzt die "neue Partei". Ein Großteil aller Abgeordneten trat direkt über.
Im Istanbuler Verfahren um mutmaßliche Korruption bekommt der angeklagte abgesetzte Bürgermeister Applaus.
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Özgür Özel, Ex-Parteichef der CHP, nun Vorsitzender der Yeni Parti, und Weggefährte von İmamoğlu, ist an diesem Tag ebenfalls nach Silivri ins Gericht gekommen. Als er, gemeinsam mit dessen Ehefrau Dilek İmamoğlu, den Saal betritt, brandet Jubel auf der Zuschauertribüne auf. Dort haben etwa 350 Menschen Platz genommen, ehe sich auch die beiden einen Platz im Megasaal suchen. Schon da spricht Özels Gesicht Bände: Er schaut genervt aus. Später am Tag wird er seinem Ärger noch Luft machen.
Die Verhandlung beginnt mit zwei Stunden Verspätung. Kurzzeitig war eine Waffe im Gebäude vermutet worden, alles musste geräumt werden. Gefunden wurde anschließend nichts. Es wird eine Randnotiz an diesem Tag bleiben. Denn heute geht es vor allem um die irritierende Frage: Wird Ekrem İmamoğlu sich verteidigen dürfen? Nach 64 Prozesstagen steht das immer noch aus.