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Menschen mit starker Verschwörungsneigung widersprechen sich häufig
Menschen können mehrere unvereinbare Erklärungen zugleich für möglich halten, ohne irrational zu urteilen, denn entscheidend ist, wie hoch sie die einzelnen Möglichkeiten gewichten. Eine neue Studie zeigt nun, dass mit zunehmender Verschwörungsneigung die Wahrscheinlichkeit inkohärenter Urteile stark steigt.
Bristol (England). Dass Menschen mit ausgeprägter Verschwörungsneigung mitunter auch einander widersprechende Erklärungen akzeptieren, gilt seit Jahren als auffälliges Merkmal des Verschwörungsdenkens. Der Befund blieb jedoch umstritten, weil frühere Arbeiten häufig Korrelationen zwischen Zustimmungsskalen auswerteten, die auch dann positiv ausfallen können, wenn viele Menschen beide Aussagen ablehnen und deshalb gar keinen inhaltlichen Widerspruch bejahen.
Forscher der Universität Freiburg in der Schweiz, der University of Bristol und der Universität Potsdam haben dieses methodische Problem nun mit einem probabilistischen Maß untersucht. Ihre in PNAS Nexus veröffentlichte Arbeit verbindet die Reanalyse von acht früheren Studien mit insgesamt 8.590 Teilnehmern mit einem vorregistrierten Experiment an weiteren 469 Personen aus den USA.
Der entscheidende Unterschied liegt darin, Zustimmung nicht nur als Ja oder Nein zu behandeln, sondern abgestufte Einschätzungen als Annäherung an subjektive Wahrscheinlichkeiten zu interpretieren. Anschließend prüft das Verfahren, ob diese Einschätzungen mit den Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung vereinbar sind und wie stark ein Urteil gegebenenfalls von einer kohärenten Kombination abweicht.
Zwei unvereinbare Möglichkeiten können demnach durchaus gleichzeitig plausibel erscheinen, denn wer zwei Alternativen jeweils eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent gibt, drückt zunächst nur Unsicherheit aus. Werden dagegen zwei Möglichkeiten, die nicht zugleich wahr sein können, jeweils mit 90 Prozent bewertet, summieren sich die Einschätzungen auf 180 Prozent und verletzen die probabilistische Konsistenz.
Für die Reanalyse berechnete das Team aus den Antworten jedes Teilnehmers einen Maßwert für solche Abweichungen. Dadurch ließ sich differenzierter prüfen, wie eng inkohärente Wahrscheinlichkeitsurteile mit der allgemeinen Neigung zusammenhängen, Ereignisse durch geheime Absprachen oder verborgene Akteure zu erklären.
Dabei zeigte sich ein ausgeprägter Zusammenhang über die gesamte Skala der Verschwörungsneigung. Bei Personen am unteren Ende lag die geschätzte Wahrscheinlichkeit für ein inkohärentes Urteil bei rund drei Prozent, während sie bei Personen mit der höchsten Verschwörungsneigung rund 91 Prozent erreichte.
Das anschließende Experiment sollte klären, ob hinter diesem Muster eine allgemeine Neigung zu logischer Inkonsistenz steckt oder ob der Inhalt der Erklärungen entscheidend ist. Dafür bewerteten 469 US-Teilnehmer insgesamt 16 fiktive Szenarien und gaben an, für wie wahrscheinlich sie verschiedene Erklärungen hielten, während ihre allgemeine Verschwörungsneigung mit einem standardisierten Fragebogen erfasst wurde.
In einem Szenario war ein achtjähriges Mädchen, die Tochter eines Mitglieds des Europäischen Parlaments, drei Tage lang verschwunden. Zwei verschwörerische Erklärungen besagten, dass ihr Vater sie heimlich festgehalten habe, um öffentliche Gelder zu missbrauchen, oder dass sie aus einem Umfeld mit erzwungener Kinderarbeit geflohen sei. Menschen mit höherer Verschwörungsneigung bewerteten beide unvereinbaren Geschichten eher so hoch, dass ihre Wahrscheinlichkeiten zusammen über 100 Prozent lagen.
Bei gewöhnlichen, ebenfalls unvereinbaren Unfallserklärungen zeigte sich dieser Zusammenhang dagegen nicht, obwohl auch dort nicht beide angebotenen Möglichkeiten zugleich zutreffen konnten. Die Verschwörungsneigung sagte die Inkohärenz in solchen nicht verschwörerischen Alternativpaaren also nicht zuverlässig voraus.