// SPIEGEL KULTUR — MODA & SOCIETÀ
Münchner Kammerspiele: Barbara Mundels Haus wird »Theater des Jahres«
Münchner-Kammerspiele-Chefin Mundel: In jüngster Zeit läuft es besser
Im März dieses Jahres urteilte der Kritiker Simon Strauß in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« über die Münchner Kammerspiele und ihre Intendantin Barbara Mundel: »Das, was dort geboten wird, ist nicht provokativ, es ist egal .«
Nun ist das Haus in der alljährlichen Umfrage der Zeitschrift »Theater heute«, an der diesmal 45 Kritikerinnen und Kritikerinnen teilnahmen – Strauß machte nicht mit –, zum »Theater des Jahres« gekürt worden.
Es liegt nahe, dass die insgesamt neun Voten für die Kammerspiele auch als eine Art Solidaritätserklärung für Mundel zu verstehen sind: gegen die polemische »FAZ«-Diagnose, und gegen die Mächtigen der Münchner Stadtpolitik. Die Stadtoberen wollen die 67-jährige Mundel offensichtlich nicht über den Ablauf ihrer Amtszeit im Jahr 2028 hinaus beschäftigen und haben ihren Job, zunächst ohne sie zu informieren, bereits vor einiger Zeit neu ausgeschrieben.
Tatsächlich waren die Zuschauerauslastung des Hauses und die Kritiken für Kammerspiele-Produktionen seit Beginn von Mundels Antritt im Herbst 2020 zeitweise mäßig. In jüngerer Zeit läuft es merklich besser. Eine siebenstündige »Wallenstein«-Aufführung des Regisseurs Jan-Christoph Gockel ist ein unbestrittener Publikumshit der Kammerspiele. »Wallenstein« war im Mai ein Erfolg beim Theatertreffen in Berlin – und wurde nun auch von den »Theater heute«-Abstimmenden zur »Inszenierung des Jahres« gewählt.
Auch eines der in der Umfrage gekürten »Stücke des Jahres« wurde in dem Münchner Theater uraufgeführt. Avishai Milsteins »Play Auerbach!« dreht sich um das tragische Leben des Holocaustüberlebenden Philipp Auerbach und um den historischen und aktuellen deutschen Antisemitismus.
»Schauspielerin des Jahres« Paulina Alpen: Grandioser Kopf- und Körpereinsatz
Zur »Schauspielerin des Jahres« wurde die 1992 geborene Paulina Alpen gewählt, die sich im Staatstheater Stuttgart in der Produktion »Die Welt im Rücken« mit grandiosem Kopf- und Körpereinsatz in die Seelenzustände einer bipolaren Künstlerexistenz versetzt. Zum »Schauspieler des Jahres« kürten die Abstimmenden den 1968 geborene Guido Lambrecht – für seine rund fünfstündige Performance mit Texten aus Michel Houellebecqs Roman »Serotonin«, die im Hans Otto Theater Potsdam herauskam.
Sowohl »Die Welt im Rücken« als auch »Serotonin« waren bereits beim Theatertreffen im Mai in Berlin zu sehen: dem Ort, an dem sich fast alle Kritikerinnen und Kritiker des deutschsprachigen Theaters, die aus ökonomischen Gründen heutzutage oft weniger auf Reisen unterwegs sind als früher, jedes Jahr noch zuverlässig versammeln.
Hinweis der Redaktion: Die SPIEGEL-Redakteurin Anke Dürr und der SPIEGEL-Redakteur Wolfgang Höbel nahmen an der Abstimmung der Kritikerinnen und Kritiker über das »Theater des Jahres« teil.