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Die Alpen bewegen sich noch, aber anders als gedacht
Langsame Kräfte, klares Muster: Die Ost- und Südalpen verändern sich bis heute, doch nicht überall aus demselben Grund. Eine neue Übersichtsstudie zeigt, dass sich die stärkste tektonische Verformung am Südrand und in Westslowenien konzentriert. Tiefe Plattenreste treiben diese Bewegung offenbar nicht direkt, während die Entlastung seit der Eiszeit zur anhaltenden Hebung beiträgt.
Jena (Deutschland). Die Alpen sind geologisch keineswegs zur Ruhe gekommen. Doch weil sich die Adriatische Platte gegenüber Europa nur um wenige Millimeter pro Jahr bewegt, sind die heutigen Signale schwach und räumlich sehr ungleich verteilt. Erosion, Vergletscherung und andere Landschaftsprozesse können tektonische Spuren zusätzlich verwischen.
Forscher der Friedrich-Schiller-Universität Jena um Dr. Christoph Grützner haben deshalb die aktive Tektonik der Ost- und östlichen Südalpen für ungefähr die vergangene Million Jahre neu zusammengeführt. Die Übersicht wertet Ergebnisse aus mehreren Dutzend Arbeiten aus und verbindet Geodäsie, Seismologie und seismische Tomographie mit historischen Erdbebendaten, Paläoseismologie, Archäoseismologie und Datierungen von Störungszonen.
„Spuren tektonischer Bewegung werden oft durch Erosion, Vergletscherung und andere landschaftsformende Prozesse überprägt oder gelöscht“, erklärt Dr. Christoph Grützner.
Am deutlichsten ist das Muster am Südrand des Gebirges. Entlang der Südalpenfront werden rund 2 Millimeter pro Jahr der insgesamt höchstens etwa 3 Millimeter pro Jahr betragenden Verkürzung aufgenommen. In Westslowenien verschieben sich nordwest-südost verlaufende Blattstörungen mit etwa 1,5 Millimetern Scherbewegung pro Jahr.
Auch im Inneren der Ostalpen ist die Kruste noch in Bewegung. Große Störungssysteme tragen dort weiterhin zum ostwärtigen Ausweichen der Kruste bei, allerdings nur mit ungefähr 0,5 bis 1,0 Millimetern pro Jahr. Hinzu kommen räumlich verteilte Deformation und Erdbebenhäufungen, während an der Nordalpenfront nur eine geringe Verkürzung erkennbar ist.
Die Verformung folgt damit nicht einfach den Strukturen tief unter dem Gebirge. Nach der Auswertung entscheidet auch die Festigkeit der Erdkruste darüber, wo sich Bewegung konzentriert. Vergleichsweise starre Krustenblöcke verformen sich wenig, während sich Spannungen und aktive Störungen eher an ihren Rändern bündeln.
„Unsere Daten zeigen, dass wir die heutige Verformung nicht einfach direkt aus tiefen geologischen Prozessen ableiten können“, sagt Dr. Christoph Grützner.
Das gilt besonders für Reste der europäischen Platte, die bei früheren tektonischen Prozessen in die Tiefe abgesunken und teilweise abgerissen sind. Solche tiefen Strukturen lassen sich heute zwar gut abbilden. Die Übersicht findet jedoch keinen Hinweis darauf, dass frühere Abrissereignisse dieser Plattenreste die gegenwärtige Verformung der Ost- und Südalpen direkt steuern.
Bei der vertikalen Bewegung zeigt sich dagegen ein auffälliger Zusammenhang mit der jüngeren Klimageschichte. Die heutigen Hebungsraten von etwa 1,5 bis 2 Millimetern pro Jahr sind räumlich mit Gebieten verbunden, die während des letzten eiszeitlichen Maximums vergletschert waren. Das passt zu einem isostatischen Ausgleich, bei dem sich die entlastete Erdkruste nach dem Abschmelzen großer Eismassen weiter hebt.