// SCINEXX — SPAZIO & SCIENZA
Zusammensetzung von altägyptischen Farben entschlüsselt
Altägyptische Maler verwendeten nicht nur Leim aus Rindern, Schafen oder Ziegen. Bei der Analyse von Farbschichten und Klebstoffen aus 14 Kunstwerken haben Forscher auch Proteine von Sesam und Moringa nachgewiesen. Die Pflanzenreste könnten aus Presskuchen stammen und liefern erstmals molekulare Spuren dieser Pflanzen in altägyptischen Kunstwerken.
Kopenhagen (Dänemark). Farben auf altägyptischen Särgen, Wandmalereien und Architekturfragmenten haben Jahrtausende überdauert. Welche organischen Stoffe Pigmente an ihren Untergrund banden oder Bauteile verklebten, ist aber deutlich schlechter untersucht als die mineralischen Farbstoffe selbst.
Forscher der University of Copenhagen (UCPH) um Clara Granzotto haben deshalb 28 winzige Proben von 14 bemalten Objekten untersucht. Die Kunstwerke stammen aus der Zeit von etwa 1425 vor Christus bis 400 nach Christus und gehören heute zu Sammlungen in Stockholm, London und Kopenhagen.
Das Team kombinierte mehrere Analyseverfahren. Zunächst half die Fourier-Transform-Infrarotspektroskopie dabei, organische Bestandteile in den Proben zu erkennen. Anschließend zerlegten die Forscher erhaltene Proteine in kleinere Peptide und bestimmten deren Masse und Aminosäuresequenzen mit massenspektrometrischer Proteomik.
Dieses als Shotgun-Proteomik bezeichnete Verfahren sucht nicht nur nach einer vorher festgelegten Substanz. Es kann auch unerwartete Proteine erfassen und über Datenbankvergleiche Hinweise darauf liefern, von welcher Tier- oder Pflanzenart sie stammen. Für ausgewählte Pflanzenfunde ergänzte das Team die Proteomanalyse durch weitere chemische Untersuchungen.
Wie erwartet fanden die Wissenschaftler häufig Kollagen aus Tierleim. Rinder waren die wichtigste nachweisbare Quelle, doch einzelne Proben enthielten auch Proteine von Schafen oder Ziegen, Eseln und Pferden sowie möglicherweise von Antilopen. Die Proteinmuster sprechen dafür, dass nicht nur Knochen, sondern auch Haut und anderes kollagenreiches Gewebe verarbeitet wurden.
Damit zeichnen die Proben kein einheitliches Rezept. Vielmehr deuten sie darauf hin, dass ägyptische Werkstätten unterschiedliche tierische Rohstoffe nutzten. In einigen Proben fanden sich zudem Ei-Proteine, die ebenfalls als organisches Bindemittel gedient haben können.
Unerwartet waren vor allem Proteine aus Sesam und Moringa. Solche Pflanzenprodukte waren in altägyptischen bemalten Kunstwerken bislang nicht molekular nachgewiesen worden. Beide Pflanzen liefern Öle, doch die Kombination aus reichlich Protein und nur geringen Ölspuren passt nach Ansicht der Autoren nicht gut zu einem reinen Pflanzenöl als Malmittel.
Eine mögliche Erklärung sind Pressrückstände aus der Ölherstellung. Solcher Samenkuchen bleibt nach dem Auspressen zurück und enthält weiterhin viele Speicherproteine. Die Forscher halten deshalb für denkbar, dass entsprechende Nebenprodukte in Farbmischungen oder Klebstoffe gelangten. Ein vollständiges historisches Rezept lässt sich aus den Spuren jedoch nicht rekonstruieren.
Besonders die Moringa-Funde werfen auch kulturgeschichtliche Fragen auf. Der Moringabaum war im alten Ägypten mit Ptah verbunden, dem Schutzgott der Handwerker. Das könnte eine bewusste symbolische Auswahl des Materials erklären, ist nach den vorliegenden Analysen aber nur eine Hypothese.