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Globale Lieferketten bedrohen die Artenvielfalt zunehmend
Viele Rohstoffe und Waren werden weit entfernt von ihrem Verbrauchsort gewonnen oder verarbeitet. Eine globale Analyse von 21.207 bedrohten Arten zeigt, dass Lieferketten den Biodiversitätsdruck zunehmend zwischen Ländern verlagern und die Verantwortung der Nachfrage seit 2010 stark gewachsen ist. Besonders betroffen sind artenreiche Exportländer, während ein erheblicher Teil des Drucks auf Verbraucher in anderen Staaten zurückgeht.
Laxenburg (Österreich). Der Verlust biologischer Vielfalt entsteht oft dort, wo Rohstoffe gewonnen, Felder erweitert oder Infrastruktur gebaut wird. Die wirtschaftliche Nachfrage kann jedoch Tausende Kilometer entfernt liegen, wodurch sich der Druck auf Arten nicht allein dem Land zuschreiben lässt, in dem ihr Lebensraum liegt.
Forscher des International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) um Quanliang Ye haben nun verfolgt, wie sich solche Verantwortungsverschiebungen über drei Jahrzehnte verändert haben. Die Analyse umfasst 21.207 bedrohte Pflanzen-, Amphibien-, Säugetier- und Vogelarten aus den Listen der International Union for Conservation of Nature (IUCN) sowie Handelsdaten aus 185 Staaten für die Jahre 1990 bis 2025.
Das Team kombinierte die Artendaten mit einer multiregionalen Input-Output-Analyse (MRIO), die Produktionssektoren, Endnachfrage und grenzüberschreitende Warenströme rechnerisch verbindet. So lässt sich abschätzen, welcher Anteil des mit wirtschaftlichen Aktivitäten verbundenen Biodiversitätsdrucks im Produktionsland entsteht und welcher durch Nachfrage anderswo ausgelöst wird. Untersucht wurden vor allem landwirtschaftliche Produktion, Bevölkerungswachstum und Verstädterung sowie klimabedingte Belastungen.
Die Landwirtschaft erwies sich als größte Bedrohungsgruppe, gefolgt von Einflüssen der Urbanisierung und des Klimas. Besonders relevant ist das in artenreichen Ländern, weil dort Flächenumwandlung viele Arten mit kleinen Verbreitungsgebieten zugleich treffen kann.
Der zeitliche Vergleich zeigt eine deutliche Verschärfung nach 2010. In den vom Team berechneten Nachfrage- und Handelskennwerten stieg die Verantwortung in entwickelten Regionen teils massiv. Etwa ein Drittel der global erfassten Artbedrohungen ließ sich im Modell Konsumenten zuordnen, die räumlich von den betroffenen Lebensräumen getrennt sind.
Für Lateinamerika und die Karibik errechneten die Autoren nach 2010 im Pro-Kopf-Vergleich Werte, die mindestens 38 Prozent über denen entwickelter Regionen lagen und etwa dreimal so hoch wie der globale Durchschnitt waren. Das verdeutlicht, dass Produktionsregionen mit hoher Biodiversität und intensiver Rohstoffnutzung besonders stark belastet sein können, selbst wenn ein Teil der Nachfrage aus anderen Weltregionen stammt.
Ein besonders ausgeprägtes Beispiel ist Madagaskar. Die Handelsbeziehung zwischen Madagaskar und den USA war laut Analyse mit 191 ± 17 bedrohten Arten verbunden, dem höchsten Wert für einen bilateralen Handelsstrom in der Untersuchung. Insgesamt werden rund 750 bedrohte Arten Madagaskars mit Exporten in Verbindung gebracht, wobei neben den USA auch Frankreich, Deutschland, China und Japan eine Rolle spielen.
Auch die Nachfrage in den USA ist mit starkem Druck auf Arten in Australien, Mexiko und Kolumbien verbunden, während sich für Japan und Deutschland ebenfalls deutliche Fernwirkungen ergeben. Umgekehrt zählt Papua-Neuguinea zu den Ländern, in denen externe Nachfrage nach den Berechnungen besonders stark zum Biodiversitätsdruck beiträgt.
Die Ergebnisse beruhen auf einer systemischen Zuordnung von Bedrohungsfaktoren und Wirtschaftsströmen und belegen nicht, dass ein einzelner Kauf oder eine bestimmte Handelsroute allein den Gefährdungsstatus einer Art verursacht hat. Die Analyse beschreibt vielmehr statistische und ökonomische Zusammenhänge auf Ebene von Ländern, Sektoren und Lieferketten.