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Kommentar zum Microsoft-Ausfall: Jetzt zahlen wir den Preis der Bequemlichkeit
Der Ausfall von Exchange Online ist ein Warnsignal gegen IT-Monokulturen: Souverän ist, wer auch ohne Microsoft weiterarbeiten kann, meint Oliver Diedrich.
Am 31. August, am späten Montagnachmittag, fiel Exchange Online aus – und mit ihm MS Teams, SharePoint, Purview, Defender XDR und einige andere Dienste. Zigtausende Unternehmen waren auf einen Schlag kommunikations-, teilweise handlungsunfähig. Auslöser war kein orchestrierter Großangriff und keine Naturkatastrophe, sondern laut Microsoft ein „Problem mit der Authentifizierungskomponente“ – im Netz wurde gemunkelt, es handele sich ganz banal um ein abgelaufenes Zertifikat. Kann ja den Besten passieren.
Dr. Oliver Diedrich ist Chefredakteur von iX. Er interessiert sich für Linux, Open Source, Softwareentwicklung, die Cloud und KI.
Tatsächlich zeigt dieser Ausfall vor allem, wie anfällig moderne IT-Infrastruktur wird, wenn zu viel in den Händen eines Anbieters liegt. Es ist ja so wundervoll bequem, für Anwender ebenso wie für Admins und Controller: Microsoft liefert Mail und Chat, Identität, Zusammenarbeit, Dateiablage und Security, alles über Single Sign-on eng miteinander verknüpft und in einem übersichtlichen Firmenabo enthalten. Bloß reißt dann schon ein einzelner Fehler in der Authentifizierung bei Microsoft das halbe Unternehmen in den Abgrund. Wer dann den Notfallplan in SharePoint abgelegt hat und die Krisenkommunikation über Teams laufen lässt, ist mächtig gekniffen.
Digitale Souveränität wird derzeit hauptsächlich politisch diskutiert, als Frage von Rechenzentrumsstandorten, Vertragsklauseln und der Entwicklung leistungsfähiger europäischer KI-Modelle. Der 31. August zeigt: Souverän ist, wer weiterarbeiten kann, wenn ein Anbieter ausfällt. Und wer beim nächsten Preisaufschlag glaubhaft mit dem Weggang drohen kann. Oder, wie es Bernie Wagner von STACKIT auf dem letztjährigen IT Summit zum Thema digitale Souveränität ausgedrückt hat: „Souveränität heißt, jederzeit vom Verhandlungstisch aufstehen zu können.“
Das setzt voraus, dass man tatsächlich einsatzbereite Alternativen hat. Das Land Schleswig-Holstein, aber auch viele andere Firmen und Organisationen haben gezeigt, dass das möglich ist. Klar, auch Nextcloud-, Open-Xchange- und Rocket.Chat-Installationen können ausfallen. Aber sie fallen nicht alle gleichzeitig am Montagnachmittag aus. Und wenn man sie selbst betreibt, kann man den Fehler selbst beheben, statt auf Microsoft zu warten.
Natürlich ist das nicht so bequem wie ein M365-Abo für alle Mitarbeitenden. Man benötigt einen zweiten, technisch unabhängigen Kommunikationsweg, den man auch gelegentlich benutzen muss, damit er im Ernstfall sicher funktioniert. Man muss Notfallunterlagen so aufbewahren, dass sie auch bei einem IT-Totalausfall erreichbar sind. Man muss über Exitszenarien und Datenportabilität nachdenken. Man muss untersuchen und dokumentieren, wo es Risiken gibt, weil zu viele Funktionen von einem Anbieter kommen – und wie man damit umgeht. Und man muss für Vielfalt in der Softwarelandschaft sorgen, auch wenn der Wechsel zwischen verschiedenen Tools nicht so komfortabel ist wie die Alles-aus-einer-Hand-Lösung.
Jetzt, zwei Tage nach dem Ausfall, sind die Exchange-Online-Probleme behoben. Microsoft wird irgendwann einen Bericht veröffentlichen, darin Ursachen für den Ausfall und die daraus gezogenen Konsequenzen benennen. Wichtiger wäre allerdings, dass die betroffenen Unternehmen Konsequenzen ziehen und sich fragen: Wie viele unserer Prozesse hängen an einzelnen Anbietern? Was passiert, wenn die ausfallen? Und wie können wir uns dagegen wappnen?
Bei diesem Kommentar handelt es sich um das Editorial der iX 10/2026, die am 18. September erscheint.
Alle Themen der kommenden iX im Überblick. Erscheint monatlich.