// SCINEXX — SPAZIO & SCIENZA
Galileo könnte schon 1630 Vierlinsen-Fernrohre erprobt haben
Vierlinsige Erdfernrohre gelten bislang als Entwicklung der 1640er Jahre. Ein neu ausgewertetes Manuskript von 1666 beschreibt jedoch ein solches Instrument ausdrücklich als von Galileo gefertigt. Die Zuschreibung ist nicht bewiesen, könnte aber den Beginn dieser Bauform um mindestens rund 15 Jahre vorverlegen.
Limerick (Irland). Galileo Galilei ist vor allem mit dem nach ihm benannten klassischen Fernrohr verbunden. Eine bislang unbekannte technische Beschreibung wirft nun die Frage auf, ob er auch mit einem deutlich komplexeren Vierlinsen-Fernrohr experimentierte. Entscheidend ist dabei nicht ein erhaltenes Instrument, sondern eine einzelne handschriftliche Quelle aus dem Jahr 1666.
Dr. José María Moreno Madrid von der University of Limerick (UL) hat den Text bei der Untersuchung eines umfangreichen Manuskripts des spanischen Dominikaners Ignacio Muñoz entdeckt. Muñoz verfasste den Abschnitt „De Tellescopiis Stellarum“ am 8. August 1666 in Mexiko-Stadt. Darin beschreibt er ein Fernrohr, das ihm der damalige Vizekönig von Neuspanien, Antonio Sebastián de Toledo Molina y Salazar, Marquis von Mancera, zur Analyse überlassen hatte.
Muñoz untersuchte das Fernrohr Bauteil für Bauteil und hielt Maße, Abstände und Zeichnungen fest. Seine Beschreibung nennt vier Linsen und ein aufrichtendes Okular, das bei einem Erdfernrohr ein aufrechtes Bild ermöglicht. Besonders brisant ist die lateinische Herkunftsangabe „fabricatum a Galilaeo“, also „von Galileo gefertigt“.
Die Bauform passt nicht zum klassischen Galilei-Fernrohr. Vierlinsige Erdfernrohre mit mehreren konvexen Linsen werden in der bisherigen Forschung erst um 1643 bis 1645 fassbar. Wenn die Angabe von 1666 stimmt, müsste mit dieser Konstruktion spätestens 1630 experimentiert worden sein, also noch zu Galileos Lebzeiten und deutlich früher als bislang dokumentiert.
Für diese frühe Datierung gibt es einen möglichen historischen Weg. Galileo hatte dem spanischen König Philipp IV. und dessen Gemahlin insgesamt drei von ihm gefertigte Fernrohre zukommen lassen. Die optische Konstruktion dieser Instrumente ist nicht überliefert. Das große Fernrohr des Königs scheidet nach den in Muñoz’ Beschreibung überlieferten Abmessungen als Mancera-Instrument aus, für die kleineren Fernrohre bleibt die Konfiguration jedoch offen.
Mancera verfügte später über enge Verbindungen zum spanischen Hof. Moreno Madrid hält es deshalb für denkbar, dass eines der kleineren Instrumente über die königlichen Sammlungen in seinen Besitz gelangte und 1664 mit ihm nach Mexiko kam. Belegt ist diese Besitzkette nicht. Sie erklärt lediglich, wie ein von Galileo gefertigtes Fernrohr theoretisch in Manceras Besitz gelangt sein könnte.
Genau hier liegt die wichtigste Einschränkung der Studie. Das Fernrohr wird in keinem weiteren bislang bekannten Dokument von Muñoz oder Mancera erwähnt. Auch aus Galileos eigenem Umfeld ist keine Quelle bekannt, die ihm eine vierlinsige optische Konfiguration zuschreibt. Damit bleiben zwei Möglichkeiten. Mancera besaß tatsächlich ein ungewöhnliches Galileo-Instrument, oder das Fernrohr wurde ihm später irrtümlich beziehungsweise aus Verkaufsinteresse als Werk Galileos zugeschrieben.
Die Entdeckung verändert deshalb noch nicht die gesicherte Geschichte des Fernrohrs. Sie liefert aber eine ungewöhnlich detaillierte technische Beschreibung, die eine frühere Entwicklung der vierlinsigen Bauform zumindest plausibel macht und gezielt nach weiteren Belegen suchen lässt.
„Es bleibt zu hoffen, dass bald neue dokumentarische oder materielle Belege auftauchen, die die Zuschreibung des Fernrohrs bestätigen und unser Verständnis des Instruments vertiefen“, sagt José María Moreno Madrid.