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Ist die komplexe Sprache des Menschen am Lagerfeuer entstanden?
Sprache am Feuer: Warum wechselten unsere Vorfahren von flexiblen Gesten zu komplexer Lautsprache? Wissenschaftler schlagen eine ungewöhnliche Antwort vor. Demnach könnte das Geschichtenerzählen am nächtlichen Lagerfeuer einen entscheidenden Entwicklungsraum geschaffen haben. Eigene Messungen des Feuerlichts liefern dafür erste, aber noch unbewiesene Anhaltspunkte.
St Andrews (Schottland). Sprache ist weit mehr als ein Werkzeug für praktische Absprachen. Menschen erzählen von fernen Orten, längst vergangenen Ereignissen oder Dingen, die nie geschehen sind. Genau diese Fähigkeit zur gemeinsamen Vorstellungskraft könnte nach einer neuen Hypothese erklären, warum sich aus einem gestenreichen Kommunikationssystem komplexe Lautsprache entwickelte.
Prof. Catherine Hobaiter von der University of St Andrews und Prof. Nathaniel J. Dominy haben dafür Forschung zur Kommunikation von Menschenaffen, zum Geschichtenerzählen in Jäger-und-Sammler-Gesellschaften und zur Wirkung von Licht zusammengeführt. Hinzu kommen eigene Messungen von Helligkeit, Farbspektrum und Flackern eines Feuers. Das Team versteht das Lagerfeuer damit nicht nur als Treffpunkt, sondern als besonderen Wahrnehmungsraum für Kommunikation.
Der Ausgangspunkt ist ein evolutionäres Rätsel: Viele Aufgaben, für die Menschen Sprache benutzen, lösen andere Arten ohne Wörter. Menschenaffen lernen voneinander, koordinieren gemeinsame Aktivitäten und pflegen komplexe soziale Beziehungen. Auch Dialoge von Schimpansen zeigen, wie flexibel nichtsprachliche Kommunikation organisiert sein kann.
„Jahrzehntelange Forschung an anderen Arten hat uns gezeigt, dass man keine Sprache braucht, um voneinander zu lernen, zu organisieren, wo und wann man Nahrung sucht, kulturelles Wissen über Werkzeuge und Gesänge zu erwerben, die Jagd zu koordinieren oder soziale Machtverhältnisse zu navigieren. Allmählich sieht es so aus, als hätte sich die menschliche Sprache für nichts besonders Nützliches entwickelt!“, sagt Prof. Catherine Hobaiter.
Hobaiter und Dominy vermuten deshalb, dass der entscheidende Vorteil der Lautsprache weniger in alltäglichen Arbeiten lag. Stattdessen könnte er dort entstanden sein, wo Kommunikation den unmittelbaren Alltag überschritt. Geschichten über Abwesende, Vergangenes, Zukünftiges oder Erfundenes verlangen eine hierarchisch gegliederte und weitgehend von sichtbaren Gesten gelöste Ausdrucksform.
Feuer verlängerte den sozialen Tag in heutigen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften nach den herangezogenen Untersuchungen um bis zu vier Stunden. Eine frühere Studie an den Ju/’hoansi zeigte zudem, dass Gespräche tagsüber stärker um praktische Themen kreisen, während am Abend am Feuer vor allem Geschichten erzählt werden. Auf diese Rolle des Lagerfeuers als Kulturfaktor hatte die Forschung schon zuvor hingewiesen.
Die neue Arbeit geht einen Schritt weiter. Nach ihrer Hypothese war das Erzählen nicht bloß eine Folge bereits vorhandener Sprache. Vielmehr könnte die nächtliche Erzählsituation selbst den Wandel begünstigt haben. Neben der zusätzlichen gemeinsamen Zeit sei dabei das Licht des Feuers wichtig gewesen.
Für ihre Messungen platzierten die Autoren ein Spektroradiometer einen Meter vom Feuer entfernt und 75 Zentimeter über dem Boden. Bei 60 Messungen der Flammen ergab sich eine mediane Leuchtdichte von 119 Candela pro Quadratmeter, bei 20 Messungen der Glut waren es 12 Candela pro Quadratmeter. Das Spektrum enthielt nur wenig kurzwelliges blaues Licht und reichte deutlich in den nahen Infrarotbereich.
Auch das melanopisch wirksame Licht war bei Glut deutlich schwächer als bei Flammen. Die Autoren errechneten Medianwerte von 1,8 beziehungsweise 30,4 melanopischen EDI-Lux. Diese Größe beschreibt, wie stark Licht über den Photorezeptor Melanopsin das biologische Tag-Nacht-System anspricht. Die Werte liefern einen möglichen physiologischen Anknüpfungspunkt, belegen aber nicht, dass Lagerfeuer den Schlaf früher Menschen tatsächlich unbeeinträchtigt ließ.