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Genetischer Einfluss auf Karriere und Einkommen wird deutlich überschätzt
Wie stark Gene Einkommen und Berufserfolg prägen, wird in klassischen Zwillingsstudien womöglich überschätzt. Eine Analyse von 44.000 US-Zwillingspaaren zeigt, dass gleichgeschlechtliche Zwillinge auffällig oft beim selben Arbeitgeber landen und dadurch genetisch wirkende Ähnlichkeiten entstehen. Ohne gemeinsam Beschäftigte sinkt die geschätzte Erblichkeit des Einkommens um rund 15 Prozent.
Berkeley (U.S.A.). Zwillingsstudien sollen trennen, welcher Anteil von Unterschieden zwischen Menschen mit Erbanlagen zusammenhängt und welcher Anteil auf Umwelt und Lebensumstände zurückgeht. Bei sozialen Merkmalen wie Einkommen ist diese Trennung besonders schwierig, weil Geschwister ähnliche Voraussetzungen teilen und einander auch im Erwachsenenleben beeinflussen können.
Genau diese soziale Nähe kann klassische Erblichkeitsschätzungen verzerren, wenn Zwillinge beispielsweise beim selben Unternehmen arbeiten und denselben firmenspezifischen Lohnvorteil erhalten. Ein Zwillingsmodell kann diese zusätzliche Ähnlichkeit fälschlich dem genetischen Anteil zuschlagen, obwohl sie aus gemeinsamer Arbeitsplatzwahl entstehen kann.
Für ihre Analyse haben die Forscher der University of California, Berkeley (UC Berkeley) um David Card Daten von rund 44.000 Zwillingspaaren aus der US-Volkszählung des Jahres 2000 mit ihren Einkommen gut 20 Jahre später verknüpft. Ergänzend bezogen sie rund eine Million gewöhnliche Geschwisterpaare ein, um familien- und geschlechtsspezifische Einflüsse besser abzugrenzen.
Da die Verwaltungsdaten nicht verraten, ob ein gleichgeschlechtliches Zwillingspaar eineiig oder zweieiig ist, erweiterten die Forscher das klassische Zwillingsdesign. Sie verglichen gleichgeschlechtliche mit verschiedengeschlechtlichen Zwillingen und führten denselben Vergleich bei gewöhnlichen Geschwistern durch, um zusätzliche familiäre Unterschiede statistisch herauszurechnen.
Zunächst ergab dieses Modell für den logarithmierten Verdienst eine Erblichkeit von h² = 0,36, die Unterschiede innerhalb der untersuchten Bevölkerung unter den Modellannahmen beschreibt. Der Wert bedeutet nicht, dass Gene 36 Prozent des Einkommens einer einzelnen Person festlegen oder dass dieser Anteil unveränderlich wäre.
Besonders aufschlussreich wurde die Analyse, als das Team den Verdienst in einen personenspezifischen Anteil und einen firmenspezifischen Lohnaufschlag zerlegte. In der vollständigen Stichprobe erschienen beide Komponenten erblich, doch der genetisch wirkende Anteil des Arbeitgeberaufschlags hing vor allem mit gleichgeschlechtlichen Zwillingen zusammen, die beim selben Unternehmen beschäftigt waren.
Rund 11,4 Prozent der gleichgeschlechtlichen Zwillingspaare arbeiteten beim selben Arbeitgeber, ungefähr doppelt so häufig wie gleichgeschlechtliche Geschwister ohne Zwillingsstatus. Solche gemeinsamen Arbeitgeber können aus Empfehlungen, gemeinsamen Netzwerken oder anderen sozialen Wechselwirkungen entstehen, ohne dass dafür ein genetischer Mechanismus nötig ist.
Für die Statistik ist diese Nähe dennoch folgenreich, weil sich ein Teil des Verdienstes automatisch ähnelt, wenn beide Zwillinge im selben besser oder schlechter zahlenden Unternehmen arbeiten. Das Modell kann diese Gemeinsamkeit nicht vollständig von erblich bedingter Ähnlichkeit unterscheiden.
Als die Autoren alle Geschwisterpaare ausschlossen, die beim selben Arbeitgeber arbeiteten, sank die geschätzte Erblichkeit des logarithmierten Verdienstes um 15 Prozent. Beim firmenspezifischen Lohnaufschlag fiel die Schätzung noch stärker ab und war statistisch nicht mehr überzeugend von null zu unterscheiden. Damit verlor gerade der Befund an Gewicht, der den Zugang zu besser zahlenden Firmen genetisch erscheinen ließ.