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Interaktive Karte zeigt, wann Gletscher verschwinden könnten
Schicksal auf der Karte: Eine neue interaktive Website zeigt für mehr als 200.000 Gletscher, wann sie unter verschiedenen Erwärmungsszenarien voraussichtlich verschwinden. Grundlage sind globale Modellrechnungen, nach denen der jährliche Verlust um die Jahrhundertmitte auf 2.000 bis 4.000 Gletscher steigen könnte. Für viele kleine Alpengletscher läuft die Uhr schon jetzt ab.
Brüssel (Belgien). Gletscher schrumpfen weltweit, doch Angaben zu verlorener Eismasse oder Fläche bleiben für einzelne Regionen oft abstrakt. Der neue Global Glacier Extinction Explorer überträgt globale Modellrechnungen deshalb auf die Ebene einzelner Gletscher. Nutzer können nach einem Namen oder einer Kennnummer suchen und sehen, wie sich das voraussichtliche Verschwindejahr zwischen verschiedenen Erwärmungsszenarien verschiebt.
Die interaktive Karte zeigt außerdem Fläche, Höhenlage und Unsicherheitsbereiche der Projektionen. Sie soll keine exakten Todesdaten liefern, denn Größe, Höhenlage, Geometrie, lokales Klima und die künftige Erwärmung beeinflussen die Entwicklung jedes Gletschers. Die Darstellung macht vielmehr sichtbar, wie stark selbst kleine Unterschiede der globalen Temperatur den Fortbestand einzelner Eisflächen verändern können.
Forscher der ETH Zürich um Dr. Lander Van Tricht haben dafür die Entwicklung von 215.543 Gletschern aus dem Randolph Glacier Inventory untersucht. Das Team kombinierte drei globale Gletschermodelle mit Klimaszenarien für eine Erwärmung von 1,5, 2,0, 2,7 und 4,0 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau. Als verschwunden gilt ein Gletscher, wenn seine Fläche unter 0,01 Quadratkilometer fällt oder weniger als ein Prozent seines ursprünglichen Eisvolumens übrigbleibt.
„Globale Zahlen wie Gletschermasse oder Flächenverlust können sehr abstrakt wirken. Mit dieser Website können die Menschen in ihr eigenes Tal oder ihre Bergregion hineinzoomen und sehen, was unterschiedliche Stufen der globalen Erwärmung für die Gletscher bedeuten könnten, die sie kennen. Wir hoffen, dass sie auch lokalen Gemeinschaften helfen kann, sich auf eine Zukunft mit weniger Gletschern vorzubereiten“, sagt Lander Van Tricht.
Aus allen Modellläufen ermittelten die Forscher für jeden Gletscher ein medianes Verschwindejahr und einen Unsicherheitsbereich. Die Modelle bilden den langfristigen Trend ab, berücksichtigen aber nicht, dass große Gletscher beim Rückzug in mehrere kleinere Eisflächen zerfallen können. Auch die Zahl der Gletscher hängt davon ab, wie kleinste oder schuttbedeckte Eisflächen in Inventaren erfasst werden.
Die Modellrechnungen ergeben einen deutlichen Höhepunkt des weltweiten Gletscherverlusts um die Mitte des Jahrhunderts. Bei 1,5 Grad Erwärmung würden um 2041 rund 2.000 Gletscher innerhalb eines Jahres verschwinden. Bei 4,0 Grad verschiebt sich dieser Höhepunkt in die Mitte der 2050er Jahre und steigt auf rund 4.000 Gletscher pro Jahr.
Bis 2100 könnte bei 1,5 Grad Erwärmung noch nahezu die Hälfte der heutigen Gletscher bestehen. Bei 2,7 Grad bliebe nur ungefähr ein Fünftel übrig, bei 4,0 Grad weniger als ein Zehntel. In Mitteleuropa wären die Folgen besonders drastisch: Unter dem 2,7-Grad-Szenario könnten nur rund 110 Gletscher verbleiben, bei 4,0 Grad etwa 20.
„Das Verschwinden eines Gletschers ist nicht das Ergebnis eines einzigen warmen Sommers, sondern der Höhepunkt von Jahrzehnten kumulativen Massenverlusts. Jahr für Jahr verringern unzureichender Schneefall und starke Sommerschmelze einen Gletscher, bis er sich nicht mehr selbst erhalten kann. Extreme Schmelzjahre wie 2022 oder 2026 können diese letzte Phase jedoch beschleunigen“, erklärt Harry Zekollari von der Vrije Universiteit Brussel (VUB).
Gerade kleine Gletscher reagieren schnell. Deshalb kann der Höhepunkt ihres Verschwindens in Regionen wie den Alpen, dem Kaukasus oder Teilen der Anden deutlich früher eintreten als in Gebieten mit größeren und träger reagierenden Eisflächen. Der aktuelle Alpensommer unterstreicht diese Verwundbarkeit. Nach vorläuf