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Polareisverlust geht vor allem auf beschleunigten Gletscherfluss zurück
Grönland und die Antarktis haben seit den 1970er Jahren zusammen gewaltige Eismengen verloren, wobei vor allem schneller fließende Gletscher den Schwund antreiben. Eine neue Langzeitbilanz beziffert den Verlust zwischen 1979 und 2023 auf 11,3 Billionen Tonnen und den dadurch verursachten globalen Meeresspiegelanstieg auf 3,14 Zentimeter.
Newcastle upon Tyne (England). Die großen Eisschilde Grönlands und der Antarktis reagieren auf die Erwärmung auf unterschiedliche Weise, denn an ihrer Oberfläche kann Eis schmelzen und als Wasser abfließen. Gleichzeitig transportieren Auslassgletscher festes Eis von den Eisschilden zur Küste, wo es ins Meer gelangt, und schon die vorherige IMBIE-Bilanz zeigte, dass beide Eisschilde inzwischen rund ein Viertel des globalen Meeresspiegelanstiegs verursachen.
Wie stark sich diese Prozesse langfristig verschoben haben, ließ sich bisher nur über kürzere Zeiträume gemeinsam erfassen. Nun reicht die zusammengeführte Satellitenbilanz für Grönland bis 1972 und für die Antarktis bis 1979 zurück und deckt damit rund ein halbes Jahrhundert der Entwicklung ab.
Ein internationales Team um Dr. Inès Otosaka von der Northumbria University hat dafür Beobachtungen aus 27 Satellitenmissionen zusammengeführt, deren Instrumente Veränderungen der Eishöhe, des Schwerefelds oder der Fließgeschwindigkeit von Gletschern erfassen. Aus diesen unterschiedlichen Verfahren rekonstruierte das IMBIE-Team die Massenbilanz der beiden Eisschilde und trennte Oberflächenprozesse von dynamischen Eisverlusten.
Der öffentlich verfügbare Datensatz kombiniert drei unabhängige satellitengestützte Ansätze, darunter Höhenmessungen, Schwerefeldmessungen und sogenannte Input-Output-Bilanzen, die den Massenzuwachs durch Schnee dem Eisabfluss in Richtung Ozean gegenüberstellen. Dadurch lassen sich Messungen verschiedener Satellitengenerationen über Jahrzehnte hinweg vergleichbar machen.
„Indem wir bis in die 1970er Jahre zurückgehen, können wir nun sehen, wie sich die Eisschilde über ein halbes Jahrhundert verändert haben. Mehr als vier Fünftel des verlorenen Eises wurden durch schneller fließende Gletscher in den Ozean abgegeben, anstatt an der Oberfläche zu schmelzen. Das zeigt uns, dass der langfristige Trend von der dynamischen Reaktion der Eisschilde auf einen sich erwärmenden Ozean angetrieben wird“, sagt Dr. Inès Otosaka.
Zwischen 1979 und 2023 verloren Grönland und die Antarktis zusammen 11,3 Billionen Tonnen Eis, wodurch der globale Meeresspiegel um 3,14 Zentimeter stieg. Auf Grönland entfielen 1,81 Zentimeter und auf die Antarktis 1,33 Zentimeter, während 84 Prozent des kombinierten Eisverlusts auf beschleunigten Gletscherfluss und nur 16 Prozent auf Oberflächenschmelze zurückgingen.
Seit den 1990er Jahren nahm der Verlust deutlich zu, wobei Grönland in den 1980er Jahren im Mittel rund 60 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr und in den 2010er Jahren 264 Milliarden Tonnen verlor. In der Antarktis stieg die jährliche Verlustrate im gleichen Vergleich von etwa 48 auf 202 Milliarden Tonnen, besonders weil sich der Eisabfluss in der Westantarktis unter anderem an Pine Island und Thwaites beschleunigte.
„Etwas mehr als drei Zentimeter Meeresspiegelanstieg mögen wenig klingen, aber dadurch sind weitere sechs bis neun Millionen Menschen durch Küstenüberflutungen und Erosion gefährdet. Da die Eisschilde in den kommenden Jahrzehnten viel mehr Eis verlieren dürften, sind globale Bewertungen wie IMBIE entscheidend, um vom Klimawandel betroffene Gemeinschaften zu schützen“, sagt Prof. Andrew Shepherd.
Zwischen 2020 und 2023 verlangsamte sich der gesamte Eisverlust vorübergehend, weil ungewöhnlich hohe Schneefälle in der Ostantarktis einen Teil der Verluste anderer Regionen ausglichen. Auf Grönland reduzierten mehrere vergleichsweise gemäßigte Sommer die Oberflächenschmelze deutlich, doch nach Angaben der Forscher handelt es sich um kurzfristige Schwankungen und nicht um eine Umkehr des langfristigen Trends.