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Unbezahlte Pflege macht den größten Teil der Demenzkosten aus
Demenz verursacht in 30 einkommensstarken europäischen Ländern jährliche gesellschaftliche Kosten von rund 221,4 Milliarden Euro. Fast 58 Prozent davon entfallen auf unbezahlte Betreuung durch Angehörige, Freunde und andere informelle Pflegepersonen. Eine neue Auswertung macht damit sichtbar, wie stark die wirtschaftliche Last der Erkrankung außerhalb des professionellen Gesundheits- und Pflegesystems entsteht.
Wien (Österreich). Mit fortschreitender Demenz wächst der Bedarf an Unterstützung im Alltag, medizinischer Versorgung und langfristiger Pflege. Ein erheblicher Teil dieser Arbeit findet jedoch im privaten Umfeld statt und taucht deshalb nicht unmittelbar in den Budgets von Kliniken, Pflegediensten oder Versicherungen auf. Wie groß dieser gesellschaftliche Aufwand tatsächlich ist, lässt sich zwischen Ländern bislang nur schwer vergleichen.
Ein Grund dafür sind sehr unterschiedliche Kostenstudien, die etwa die Zeit von Angehörigen auf verschiedene Weise bewerten, unterschiedliche Versorgungsbereiche erfassen und sich auf verschiedene Patientengruppen beziehen. Dadurch können selbst Schätzungen für ähnliche Länder deutlich voneinander abweichen.
Forscher der Universität Duisburg-Essen (UDE) um Prof. Richard Dodel haben deshalb Daten aus 45 europäischen Kostenstudien in einem gemeinsamen Rahmen ausgewertet. Das Team kombinierte diese Angaben mit Prävalenzdaten und harmonisierte die Kosten mithilfe von Preisentwicklung und Kaufkraft. Sämtliche Beträge wurden auf kaufkraftbereinigte Euro des Jahres 2019 umgerechnet.
Ausreichende Kostendaten lagen letztlich nur für 30 einkommensstarke europäische Länder vor, in denen 2019 schätzungsweise 8,8 Millionen Menschen mit Demenz lebten. Die jährlichen gesellschaftlichen Kosten summierten sich auf 221,4 Milliarden Euro, im gewichteten Mittel waren das 25.218 Euro pro betroffenem Menschen.
Den größten Anteil machte die informelle Pflege aus, denn auf unbezahlte Betreuung durch Angehörige, Freunde und andere nahestehende Personen entfielen 128,1 Milliarden Euro oder 57,9 Prozent der Gesamtkosten. Direkte medizinische und nichtmedizinische Versorgungskosten erreichten 93,2 Milliarden Euro oder 42,1 Prozent. Produktivitätsverluste wurden mit 59 Millionen Euro deutlich niedriger angesetzt.
„Mit der weiteren Alterung der europäischen Bevölkerung ist in den kommenden Jahren mit einem deutlichen Anstieg der Zahl von Menschen mit Alzheimer und anderen Demenzformen zu rechnen. Eines der auffälligsten Ergebnisse dieser Studie war das Ausmaß der informellen Pflege durch Familien und Freunde. Zwar sind die Kosten des Gesundheitssystems erheblich, doch der größte Teil der Belastung entfällt auf unbezahlte Betreuungspersonen, deren Beitrag oft übersehen wird, obwohl er für die Unterstützung von Menschen mit Demenz unverzichtbar ist“, erklärt Prof. Richard Dodel.
Die Kosten verteilten sich sehr ungleich über die untersuchten Länder. Deutschland kam mit 51,8 Milliarden Euro auf den höchsten Gesamtbetrag, gefolgt von Italien mit 32,8 Milliarden Euro und dem Vereinigten Königreich mit 26,1 Milliarden Euro. Zusammen mit Frankreich und Spanien entfielen auf diese fünf Länder 68,1 Prozent der gesamten geschätzten Belastung.
Ein anderes Bild ergibt sich bei den Kosten pro betroffenem Menschen, die von 10.136 Euro in Ungarn bis 45.474 Euro in den Niederlanden reichten. Für die gesamte untersuchte Region entsprachen die Demenzkosten rund 1,6 Prozent der Wirtschaftsleistung. Solche Unterschiede spiegeln nicht nur verschiedene Versorgungssysteme wider, sondern auch die heterogene Datengrundlage und die jeweils verwendeten Bewertungsmethoden.
Belgien verdeutlicht, wie stark private Betreuung ins Gewicht fallen kann. Dort schätzt die Studie die gesellschaftlichen Demenzkosten auf 4,14 Milliarden Euro pro Jahr, davon rund 2,48 Milliarden Euro für informelle Pflege. Damit entsteht auch dort ein großer Teil der Belastung außerhalb professioneller Versorgung.