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Heinrichs VIII. Klosterauflöser hat katholische Handschrift versteckt
Riskantes Erbe: Sechs unscheinbare Manuskriptseiten aus einem Archiv in Brighton gehören zu einer mittelenglischen Handschrift in Yale. Der Fund legt nahe, dass Sir John Gage, ein Vollstrecker der Klosterauflösungen unter Heinrich VIII., ein katholisches Andachtsbuch bewahrte, dessen Inhalte während der Reformation verdächtig wurden. Damit zeigt sich eine überraschende Seite des Tudor-Höflings.
Cambridge (England). Im frühen 15. Jahrhundert war Nicholas Loves „Mirror of the Blessed Life of Jesus Christ“ ein ausdrücklich orthodoxes Andachtswerk. Love hatte den Text um 1409 aus einer lateinischen Vorlage ins Englische übertragen und angepasst, als englischsprachige Bibeltexte im Kampf gegen die Lollarden unter starkem Verdacht standen. Ein Jahrhundert später hatte sich die religiöse Lage jedoch umgekehrt.
Denn Loves Werk verteidigte katholische Glaubensinhalte wie die Realpräsenz Christi im Abendmahl und die mündliche Beichte beim Priester. Während der englischen Reformation konnten gerade solche Aussagen politisch und religiös heikel werden. Dennoch sind heute 65 Handschriften des einst weit verbreiteten Werks erhalten.
Nun haben Wissenschaftler sechs lose Seiten aus dem Archiv The Keep in Brighton einer unvollständigen Handschrift in der Beinecke Rare Book and Manuscript Library der Yale University zugeordnet. Das Fragment beginnt mit Kapitel 34 über die Auferweckung des Lazarus. In der digitalisierten Yale-Handschrift Takamiya MS 20 fanden die Forscher genau an dieser Stelle eine Lücke und konnten Schrift sowie Textinhalt mit dem Fragment abgleichen.
Besonders aufschlussreich ist die Besitzgeschichte. Auf der letzten Seite der Yale-Handschrift steht die Signatur von Sir John Gage, neben Namen weiterer wahrscheinlicher Besitzer, darunter zwei religiöse Frauen. Gage war ein einflussreicher Höfling Heinrichs VIII. und organisierte die Auflösung von Klöstern in Surrey, Kent und Sussex, blieb selbst jedoch katholisch.
„Dass zwei mögliche Besitzerinnen vor Gage religiöse Frauen waren, deutet darauf hin, dass die Handschrift in einem Kloster gewesen sein könnte, bevor sie in seinen Besitz kam. Die Auflösung der Klöster führte zur Zerstörung vieler Bücher, andere wurden jedoch mitgenommen und anschließend über informelle Netzwerke weitergegeben. Angesichts von Gages aktiver Rolle bei der Auflösung ist es gut möglich, dass er das Buch in diesem Chaos erwarb“, sagt Dr. Katie Walter von der University of Sussex.
Wie Gage tatsächlich an die Handschrift gelangte, ist nicht belegt. Möglich ist, dass er sie bei der Auflösung eines Klosters selbst an sich nahm. Ebenso könnte ein anderer sie zunächst gerettet und weitergegeben haben. Sicher ist dagegen, dass das Buch über Jahrhunderte mit der Familie Gage verbunden blieb.
„Eine Möglichkeit ist, dass John Gage in eine Klosterbibliothek ging und es mit nach Hause nahm. Eine andere ist, dass jemand anderes es hinausschmuggelte und es kurz von Hand zu Hand ging, bis Gage es bekam. Entscheidend ist, dass er es sicher aufbewahrte, obwohl er gerade solche Bücher hätte vernichten sollen“, erklärt Dr. James Wade von der University of Cambridge.
Die sechs Seiten lösten sich irgendwann vor der Neubindung der Handschrift im 19. Jahrhundert. 1929 gelangten sie mit 46 Kisten aus dem Familienarchiv als Leihgabe zur Sussex Archaeological Society, ohne im Inhaltsverzeichnis der betreffenden Kiste aufzutauchen. 1982 kam das Material zum East Sussex Record Office und 2013 schließlich in The Keep.
Der übrige Band nahm einen anderen Weg. 1976 kaufte der japanische Sammler Toshiyuki Takamiya die Handschrift bei einer Auktion aus dem Besitz eines Nachfahren Gages. 2017 gelangte seine mittelalterliche Handschriftensammlung an die Beinecke Library in Yale. So lagen Fragment und Rest des Buches jahrzehntelang Tausende Kilometer voneinander entfernt.