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Missing Link: OSINT-Aktivismus bis Korkenzieher-Ballett auf der Ars Electronica
Das Festival Ars Electronica in Linz steht vor neuen Herausforderungen. Die Prämierung politisch aufgeladener Werke löst Debatten über die Rolle der Kunst aus.
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Wer die vergangenen Jahre der Ars Electronica in Linz Revue passieren lässt, kann sehen, dass der künstlerische Leiter Gerfried Stocker zunehmend bestrebt war, bei größeren Auftritten Veronika Liebl und Christl Baur, die das Festival managen, die Bühne zu überlassen. Der Gedanke, dass es auch einmal eine Zeit „nach“ Stocker geben wird, blitzte zuweilen auf. Aber in diesem Jahr war Stocker außerordentlich gefordert.
Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.
Das Festival vereint unter dem Motto „Art, Technology & Society“ Ausstellungen, Konferenzen, Konzerte, Performances, Workshops und mehr. Es ist Teil des Ars-Electronica-Ökosystems, konkret der Ars Electronica Linz GmbH & Co KG – einem Unternehmen der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz. Die anderen sind: Ars Electronica Center (Museum), Ars Electronica Futurelab (Forschung und Entwicklung) und Ars Electronica Solutions (kommerzielles Auftragsgeschäft). Das Festival zählt regelmäßig über 100.000 Besucher und prägte auch in diesem Jahr das Stadtbild von Mittwoch bis Sonntag (9.–13. September). Die Ars Electronica ist Aushängeschild der Stadt beim angestrebten Übergang von Schwerindustrie zum Hightech-Standort.
Das Festival vergibt, neben anderen Kunstpreisen, jedes Jahr vier Goldene Nicas, von der Stadträtin Doris Lang-Mayerhofer liebevoll „Oscars der Medienkunst“ genannt. In diesem Jahr prämierte die Jury ein Werk von Forensic Architecture (FA) in der Kategorie Interactive Art +. FA hat seit Israels militärischer Antwort auf den terroristischen Überfall der Hamas und anderer Gruppen am 7. Oktober 2023 Ereignisse gesammelt, bei denen Zivilisten getötet oder Wohnhäuser, Krankenhäuser, Schulen und Versorgungsinfrastruktur zerstört wurden. Diese Daten hat FA auf eine Webseite gestellt, wo man sie filtern und räumlich und zeitlich visualisieren kann. Den 827-seitigen Bericht, der aus der Datensammlung hervorging, stellte FA dem Anwaltsteam Südafrikas für dessen Klage gegen Israel wegen Verstoßes gegen die Völkermordkonvention vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag zur Verfügung.
Das Problem war der Titel: A Cartography of Genocide. Er beschuldigt Israel eines Völkermords und die Frage stellte sich, ob oder inwieweit das Festival und damit auch die Stadt Linz diesen Vorwurf mittragen. Eine Empörungswelle wie bei der documenta oder der Biennale in Venedig musste verhindert werden.
Stockers Strategie war dreiteilig. Die Gruppen in der Stadt, die bei diesem Thema hellhörig werden, wurden frühzeitig informiert und eingebunden. Im zweiten Schritt wurde eine klare Kommunikationsstrategie definiert: Man akzeptiere die Entscheidung der hochkarätigen Jury, das Werk werde gezeigt, dürfe aber, besonders aus österreichischer Sicht, nicht unwidersprochen bleiben. Eine Diskussion zu den aufgeworfenen Fragen wurde angekündigt. Und schließlich schrieb Stocker den diesjährigen Festivaltext großräumig zu einer Stellungnahme über die gesellschaftliche Verantwortung und Aufgabe der Kunst um.
Es gelang, eine größere öffentliche Aufregung zu vermeiden. Zwar ruckelte es etwas, als Landeshauptmann Thomas Stelzer, sonst feste Größe bei der Preisverleihung, seine Teilnahme absagte und dies explizit mit dem Werk begründete. Kein Politiker schien die Preisübergabe an FA übernehmen zu wollen und so ließ Stocker den Preis von drei Mitgliedern der Jury unter großem Applaus der Anwesenden überreichen.
Es stellt sich aber nicht nur die Frage, wie man zum Genozidvorwurf steht, so