// SCINEXX — SPAZIO & SCIENZA
Ägyptisches Glas ist bis ins eisenzeitliche Britannien gelangt
Fernhandel am Pferdegeschirr: Ein kleiner bronzener Leinenführungsring aus dem Ashmolean Museum enthält blaues Glas, dessen chemische Zusammensetzung auf eine Herkunft aus Ägypten weist. Die Analyse zeigt damit, dass weit gereiste Materialien bereits in der späten britischen Eisenzeit in kostbares Pferdegeschirr eingearbeitet wurden. Rotes Glas am selben Stück stammt dagegen aus einer in Britannien verbreiteten Tradition.
Didcot (England). Glas war in der Eisenzeit weit mehr als bloßer Schmuck. Farbe, Zusammensetzung und Verarbeitung können verraten, wo ein Rohmaterial herkam und wie weit es gehandelt wurde. Gerade in Britannien trafen in den Jahrzehnten um die römische Eroberung von 43 n. Chr. lokale Handwerkstraditionen auf neue Materialien und Techniken vom Kontinent.
Ein Fund aus der prähistorischen Sammlung des Ashmolean Museum macht diesen Austausch nun besonders anschaulich. Untersucht wurde ein bronzener Terret, ein kleiner Ring am Pferdegeschirr, durch den die Zügel geführt wurden. Das reich verzierte Stück wird auf die Zeit zwischen 50 v. Chr. und 75 n. Chr. datiert und trägt rote sowie blaue Glaseinlagen.
Für die Untersuchung kam der Terret an die Mikrofokus-Strahllinie I18 der Diamond Light Source. Diese Anlage ist auf räumlich hoch aufgelöste Röntgenanalysen ausgelegt und kann unter anderem Elementverteilungen in winzigen Bereichen sichtbar machen. Aus den Messdaten erstellten die Forscher eine Elementkarte des Fundstücks.
Dabei zeigte sich zunächst, dass die Metalloberfläche überwiegend aus Kupfer besteht und erhebliche Mengen Blei enthält. Noch aussagekräftiger waren jedoch die Glaseinlagen. Das rote Glas weist einen ungewöhnlich hohen Bleianteil auf. Das blaue Glas enthält dagegen vor allem Eisen sowie kleinere Mengen Kupfer.
Die chemische Signatur des blauen Glases passt nach Angaben der Forscher nicht zu einer Herstellung in Britannien. Stattdessen spricht die Zusammensetzung dafür, dass das Material aus Ägypten kam, vermutlich zunächst als Glasperlen. Erst in Britannien wurde dieses importierte Glas dann offenbar weiterverarbeitet und in den bronzenen Terret eingesetzt.
Beim roten Glas ergibt sich ein anderes Bild. Seine Zusammensetzung entspricht einem Glastyp, der in eisenzeitlichen Gemeinschaften Britanniens vom mittleren Abschnitt der Eisenzeit bis in das erste Jahrhundert n. Chr. verbreitet war. Auf demselben Objekt treffen damit einheimische Materialtraditionen und ein weit gereistes Importmaterial unmittelbar aufeinander.
Das passt zu archäometrischen Befunden aus anderen Fundorten. Bei 19 eisenzeitlichen Glasperlen aus Nordostschottland ließ die Elementzusammensetzung beispielsweise auf importiertes Natronglas schließen. Zugleich fanden die Forscher Spuren von Altglas und Abfällen, was für eine lokale Weiterverarbeitung des importierten Materials spricht.
Der Terret liefert damit keinen direkten Fahrplan einer Handelsroute. Er zeigt aber, dass Material aus dem östlichen Mittelmeerraum bis nach Britannien gelangte und dort in hochwertiges Pferdegeschirr eingearbeitet wurde. Das kleine Bauteil dokumentiert somit, wie eng lokale Handwerkskunst und überregionale Austauschsysteme schon vor und während der frühen römischen Expansion miteinander verflochten waren.
„Die Öffentlichkeit ist ein wesentlicher Bestandteil des wissenschaftlichen Prozesses und spielt eine wichtige Rolle dabei, künftige Entdeckungen mitzugestalten“, sagt Strahllinienwissenschaftlerin Susan Nehzati.