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Inka streuten heilige Kokablätter über geopferte Lamas
Rätselhafte Beigabe: In Tambo Viejo an Perus Südküste haben Archäologen Kokablätter direkt bei geopferten Lamas und Meerschweinchen gefunden. Der Fund zeigt, dass die Inka die heilige Pflanze bei Ritualen offenbar nicht nur verbrannten, wie spanische Chronisten berichteten, sondern sie auch unverbrannt über Opfergaben verteilten.
Calgary (Kanada). Koka gehörte für die Inka zu den wertvollsten Pflanzen. Die Blätter wurden gekaut, gelagert und nach historischen Berichten bei religiösen Zeremonien geopfert. Wie solche Rituale im Detail abliefen, ist jedoch schwer zu rekonstruieren, denn die Inka hinterließen keine eigene Schrift und organische Pflanzenreste erhalten sich nur unter günstigen Bedingungen.
Viele Beschreibungen stammen deshalb von spanischen Chronisten aus der Zeit nach der Eroberung. Sie berichten unter anderem davon, dass Kokablätter bei Opferhandlungen verbrannt wurden. Die trockene Küstenwüste im Süden Perus liefert nun einen seltenen archäologischen Gegencheck zu diesen schriftlichen Überlieferungen.
Forscher der University of Calgary (UCalgary) um Lidio M. Valdez haben die Funde aus dem Inka-Zentrum Tambo Viejo im Acarí-Tal ausgewertet. Bei Ausgrabungen in Struktur 4 stießen sie auf eine Gruppe von neun jungen Lamas, die in einer vorbereiteten Grube lagen. Die Tiere waren mit farbigen Quasten geschmückt, ihre Gesichter waren mit roten Linien und Punkten bemalt und ihre Beine waren angewinkelt und mit Seilen fixiert.
Entscheidend war ein unscheinbares Detail: Im Fell von drei der Lamas hafteten noch Kokablätter. Damit lassen sich die Pflanzen erstmals direkt mit einem Ritualfund an diesem Ort verbinden. Weitere Kokareste waren in Tambo Viejo schon zuvor aus einem Lagerkontext bekannt, doch nicht aus einer so eindeutigen Opferanordnung.
Der Befund zeigt zudem eine aufwendige Abfolge. Nach Angaben der Forscher wurden die Lamas mit sauberem Flusssand bedeckt. Darauf lagen vier geopferte Meerschweinchen, anschließend folgten weitere Sandschichten. Zum Abschluss wurde Feuer entzündet, bevor die Ablagerung mit einem Lehmboden versiegelt wurde.
Die Kokablätter verändern damit das Bild des Rituals. Schriftliche Quellen beschreiben Koka als wichtige Opfergabe und betonen das Verbrennen der Blätter. In Tambo Viejo blieben dagegen ganze Blätter erhalten, die offenbar über die Tieropfer verteilt worden waren. Die archäologische Spur ergänzt die Überlieferung daher um eine Handlung, die in den bekannten Berichten nicht beschrieben wird.
Radiokarbondaten ordnen die Opfer in die Zeit zwischen etwa 1450 und 1500 ein. Sie wurden niedergelegt, bevor an dieser Stelle die frühesten späteren Gebäude entstanden. Das spricht dafür, dass die Zeremonie mit der Einrichtung oder Umgestaltung des Inka-Zentrums zusammenhing.
Tambo Viejo war ein Provinzzentrum in einem Gebiet, das die Inka ihrem Reich einverleibt hatten. Solche Zentren dienten nicht nur der Verwaltung. Feste, Gaben und öffentliche Rituale konnten auch dazu beitragen, neue Herrschaft sichtbar zu machen und Beziehungen zu lokalen Gemeinschaften zu ordnen.
Die Autoren deuten die Tieropfer deshalb als mögliche Weihehandlung für neu beanspruchtes Land. Nach der damaligen Vorstellungswelt konnten Landschaft, Ahnen und andere übernatürliche Mächte Einfluss auf das menschliche Leben ausüben. Eine kostbare Gabe aus jungen Lamas, Meerschweinchen und Koka könnte demnach dazu gedient haben, lokale Mächte günstig zu stimmen, bevor die Inka den Ort weiter ausbauten.