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Was hat die Vorliebe für Süßes mit finanzielle Entscheidungen zu tun?
Süßer Geschmack und finanzielle Entscheidungen hängen offenbar auf ungewöhnliche Weise zusammen. In zwei Experimenten bevorzugten Menschen, die besonders konzentrierte Zuckerlösungen mochten, häufiger sichere Geldgewinne. Unter bestimmten Bedingungen wählten sie zudem kleinere Sofortprämien. Dahinter könnte weniger mangelnde Geduld als vielmehr die Abneigung gegen unsichere Auszahlungen stecken.
Moskau (Russland). Wer sich zwischen einem kleinen Geldbetrag sofort und einer größeren Summe in einigen Wochen entscheidet, muss nicht nur Geduld aufbringen. Eine spätere Belohnung kann auch unsicherer erscheinen als Geld, das unmittelbar verfügbar ist. Deshalb lässt sich aus der Entscheidung für die schnellere Auszahlung nicht ohne Weiteres auf allgemeine Impulsivität schließen.
In früheren Untersuchungen zeigte sich bereits ein Zusammenhang zwischen der Vorliebe für sehr süßen Geschmack und der Tendenz, kleinere Belohnungen früher anzunehmen. Unklar blieb aber, ob solche Entscheidungen auf einer stärkeren Anziehungskraft unmittelbarer Gewinne, auf deren Höhe oder auf einer größeren Abneigung gegen Risiken beruhen.
Forscher der HSE University um Ksenia Panidi haben diesen Zusammenhang nun in zwei Experimenten mit insgesamt 149 gesunden Erwachsenen untersucht. Dafür nutzten sie einen standardisierten Geschmackstest mit fünf unterschiedlich stark gezuckerten Wasserlösungen. Wer die höchste Zuckerkonzentration am angenehmsten fand, zählte zur Gruppe mit ausgeprägter Vorliebe für intensive Süße.
Der Test misst nicht, wie gerne jemand Kuchen, Süßigkeiten oder andere zuckerhaltige Lebensmittel isst. Er erfasst die Bewertung einer isolierten Geschmacksreizung, die in der Forschung als möglicher physiologischer Hinweis auf Belohnungsempfindlichkeit dient. Im ersten Experiment gehörten zwölf von 49 Teilnehmern zur Gruppe der Süßliebhaber, im zweiten 28 von 100.
Die Teilnehmer mussten außerdem finanzielle Entscheidungen treffen. Bei einer Lotterieaufgabe standen eine garantierte Auszahlung von 100 Geldeinheiten und riskantere Möglichkeiten mit Gewinnen von bis zu 500 Einheiten zur Wahl. Im ersten Experiment testete das Team zusätzlich ein Computerspiel, bei dem das Aufpumpen eines virtuellen Ballons Gewinne erhöhte, aber auch deren Verlust riskierte.
Im ersten Experiment entschieden sich die Süßliebhaber in der Lotterie häufiger für den garantierten Betrag als die übrigen Teilnehmer. Dieser Zusammenhang zeigte sich bei verschiedenen Gewinnwahrscheinlichkeiten und möglichen Auszahlungshöhen. Beim Ballonspiel fanden die Forscher dagegen keinen entsprechenden Gruppenunterschied.
Im zweiten Experiment zeigte sich die höhere Vorsicht in der Lotterie vor allem dann, wenn die Chance auf den größeren Gewinn 50 Prozent betrug. Bei Gewinnwahrscheinlichkeiten von 25 oder 75 Prozent war der Unterschied zwischen beiden Geschmacksgruppen statistisch nicht eindeutig. Die Ergebnisse hingen somit auch davon ab, wie das finanzielle Risiko dargestellt wurde.
In diesem zweiten Durchgang prüfte das Team zusätzlich, wie sich Wartezeiten auf Entscheidungen auswirken. Stand eine kleinere Belohnung sofort bereit, entschieden sich die Süßliebhaber häufiger dafür. Mussten die Teilnehmer hingegen auf beide Beträge warten, wählten sie im Vergleich sogar häufiger die größere, später verfügbare Summe.
Die Forscher vermuten deshalb, dass nicht eine grundsätzliche Unfähigkeit zum Warten die Entscheidungen bestimmt. Vielmehr könnte die unmittelbare Auszahlung besonders anziehend sein, weil sie als sicherer erscheint. Berücksichtigte das Team die in der Lotterie gemessene Risikoneigung, wurde der Zusammenhang zwischen Süßvorliebe und der Wahl der Sofortprämie deutlich schwächer und verfehlte knapp die statistische Signifikanz.