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Stasi-Spionage hat DDR-Wirtschaft um 7,4 Prozent gestärkt
Geheime Wachstumsquelle: Die Stasi beschaffte DDR-Betrieben nicht nur Informationen über westliche Technologien. Laut einer neuen wirtschaftshistorischen Untersuchung könnte dieses Wissen die Wirtschaftsleistung der DDR im Jahr 1988 um 7,4 Prozent erhöht haben. Den entscheidenden Hebel bildeten offenbar die Lieferbeziehungen zwischen Betrieben, wie eine Modellrechnung zeigt.
Berlin (Deutschland). Im Kalten Krieg war der Eiserne Vorhang nicht nur eine politische Grenze. Die DDR versuchte auch, den technologischen Vorsprung des Westens durch gezielte Wirtschaftsspionage zu verringern. Agenten lieferten technische Unterlagen, Forschungsergebnisse und Betriebswissen, das ostdeutsche Unternehmen für ihre Produktion nutzen konnten.
Doch welchen wirtschaftlichen Nutzen brachte der geheime Wissenstransfer tatsächlich? Bislang ließ sich kaum beziffern, ob gestohlene Informationen Unternehmen nur punktuell halfen oder die Volkswirtschaft insgesamt stärkten. Denn Spionage findet im Verborgenen statt und ihre Folgen verschwinden meist in gewöhnlichen Produktionsstatistiken.
Ein Forschungsteam um Prof. Albrecht Glitz von der Universitat Pompeu Fabra (UPF) hat nun erstmals Geheimdienstakten systematisch mit historischen Betriebsdaten und den Lieferverflechtungen der DDR-Industrie verknüpft. Die Analyse untersucht, wie wertvolle Informationen das Wachstum einzelner Kombinate beeinflusst haben und wie sich mögliche Vorteile auf andere Unternehmen ausbreiteten.
Grundlage sind Aufzeichnungen des Ministeriums für Staatssicherheit über mehr als 180.000 wissenschaftlich-technische Informationen aus den Jahren 1970 bis 1989. Die Akten dokumentieren unter anderem, wann die Berichte eintrafen, an wen sie gingen und wie wertvoll sie eingeschätzt wurden. Damit konnten die Forscher den Weg des Wissens ungewöhnlich genau nachzeichnen.
Diese Angaben glichen sie mit neu erschlossenen Produktionsstatistiken von 145 zentral geleiteten DDR-Kombinaten ab. Dabei untersuchten sie unter anderem Wertschöpfung, Arbeitsproduktivität, Investitionen und Exporte. Statistische Verfahren sollten berücksichtigen, dass wirtschaftlich besonders wichtige oder leistungsfähige Betriebe möglicherweise bevorzugt mit Spionagematerial versorgt wurden.
„Über Wirtschaftsspionage wird oft gesprochen, aber sie wird nur selten gemessen. Indem wir einzelne Informationen von ihrer Quelle im Westen bis zu den Empfängern im Osten verfolgen, können wir endlich ihre wirtschaftlichen Folgen beziffern“, erklärt Prof. Albrecht Glitz.
Die Auswertung zeigt einen deutlichen Zusammenhang: Steigt der jährliche Zufluss wertvoller Spionageinformationen im Verhältnis zur bisherigen Produktion um einen Prozentpunkt, wachsen Wertschöpfung und Arbeitsproduktivität laut der bevorzugten Modellschätzung jeweils um rund 0,9 Prozentpunkte schneller. Die betroffenen Unternehmen investierten zudem mehr in Maschinen und nutzten zusätzliche Vorprodukte. Ihre Beschäftigtenzahl veränderte sich dagegen kaum.
Besonders folgenreich war offenbar, dass sich die Vorteile nicht auf die Empfänger geheimer Informationen beschränkten. Produktivere Betriebe benötigten mehr Vorleistungen von ihren Zulieferern und konnten gleichzeitig ihre Kunden effizienter beliefern. Diese indirekten Effekte rekonstruierten die Forscher anhand historischer Verflechtungen der ostdeutschen Industrie.
Berücksichtigt man ausschließlich den direkten Nutzen für die Empfängerbetriebe, lag die industrielle Wertschöpfung 1988 nach der Modellrechnung um 3,2 Prozent höher als ohne Spionage. Einschließlich der Effekte entlang der Lieferketten steigt die Schätzung jedoch auf 22,3 Prozent. Dies entspricht etwa 20,2 Milliarden DDR-Mark zusätzlicher industrieller Wertschöpfung.