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Befindet sich die Erde aktuell in ihrem sechsten Massenaussterben?
Die Erde verliert Arten, doch erlebt sie deshalb schon das sechste große Massenaussterben? Eine kritische Auswertung bisheriger Facharbeiten stellt diese Deutung infrage. Die Autoren sehen bei Vergleichen mit der Erdgeschichte und langfristigen Hochrechnungen erhebliche Unsicherheiten, ohne die bedrohliche Gefährdung vieler Tier- und Pflanzenarten zu bestreiten.
Tucson (U.S.A.). In der Erdgeschichte gab es fünf besonders große Aussterbeereignisse, bei denen außergewöhnlich viele Arten innerhalb geologisch kurzer Zeit verschwanden. Heute zerstört der Mensch Lebensräume, verschleppt gebietsfremde Arten und verändert das Klima, weshalb zahlreiche Wissenschaftler vor einer neuen, vom Menschen verursachten Aussterbewelle warnen.
Doch die Bezeichnung als bereits begonnenes sechstes Massenaussterben ist mehr als ein Bild für die Biodiversitätskrise, denn sie legt nahe, dass sich das heutige Artensterben mit den großen Einschnitten der Erdgeschichte vergleichen lässt. Ob die Daten dafür bereits ausreichen, ist in der Forschung umstritten.
Forscher der University of Arizona (U of A) um Prof. John J. Wiens haben dafür einflussreiche Arbeiten über das heutige Artensterben erneut ausgewertet, um deren Begründungen zu vergleichen. In ihrem 2025 veröffentlichten, fachbegutachteten Übersichts- und Meinungsbeitrag untersuchen sie die Aussagen früherer Studien, ohne neue weltweite Artenzählungen vorzunehmen.
Als häufig verwendete Orientierung für ein Massenaussterben gilt der Verlust von rund 75 Prozent aller Arten innerhalb geologisch kurzer Zeit. Allerdings ist diese Schwelle nicht für sämtliche historischen Ereignisse unumstritten. Die Autoren bemängeln daher auch die fehlende einheitliche Definition, anhand derer sich die gegenwärtige Lage beurteilen ließe.
Die von ihnen ausgewerteten Artenverzeichnisse erfassen 955 Arten, die in den vergangenen rund 500 Jahren ausgestorben sind oder nur noch außerhalb ihrer natürlichen Lebensräume überleben. Das entspricht bei rund 2,157 Millionen beschriebenen Arten weniger als 0,1 Prozent, wobei die Angaben auf Daten von 2024 beruhen und keine vollständige Bilanz aller tatsächlichen Verluste darstellen.
Denn zahlreiche Arten sind wissenschaftlich noch nicht beschrieben oder wurden nie auf ihre Gefährdung untersucht, und manche könnten sogar verschwunden sein, bevor Forscher sie entdeckten. Besonders bei Insekten und anderen wirbellosen Tieren bleiben deshalb erhebliche Wissenslücken, die sich aus den dokumentierten Aussterbefällen allein nicht schließen lassen.
Besonders kritisch sehen die Forscher eine bekannte Hochrechnung, nach der bestimmte Wirbeltiergruppen innerhalb von 240 bis 540 Jahren drei Viertel ihrer Arten verlieren könnten. Dafür müssten alle heute bedrohten Amphibien, Vögel und Säugetiere binnen 100 Jahren aussterben, bevor die gleiche Aussterberate auch bei bislang nicht bedrohten Arten über weitere Jahrhunderte anhielte.
Für diese fortgesetzten Verluste werde aber kein konkreter Mechanismus angegeben, bemängelt das Team. Andere Untersuchungen kommen je nach Annahmen zu Zeiträumen von Tausenden bis zu Millionen Jahren, ehe vergleichbare Schwellen erreicht würden. Die extremen Szenarien seien deshalb keine tragfähige Grundlage, um bereits heute von einem geologisch vergleichbaren Massenaussterben zu sprechen.
Ein weiterer Schwachpunkt liegt in der geografischen Verteilung, denn rund drei Viertel der dokumentierten jüngeren Aussterbefälle betrafen Inselarten, obwohl auf Inseln nur etwa ein Fünftel aller Arten vorkommt. Dort haben eingeschleppte Tierarten besonders häufig zum Verschwinden einheimischer Arten beigetragen. Auf dem Festland hingegen können Lebensraumverlust und Klimaerwärmung die künftige Entwicklung auf andere Weise beeinflussen.