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Bislang profitiert nur Big Tech: Warum Anthropic zum Realitätstest für den KI-Boom wird
Während der KI-Hype zumindest im Tech-Bereich für Umsatzrekorde sorgt, bleiben Analysten nervös. Denn der Rest der Wirtschaft wartet noch auf den Boom. Und für Analysten stellt sich die Frage, wie groß der Markt für KI-Dienste außerhalb des Tech- und Coding-Bereichs überhaupt ist.
Anlass für Spekulationen und Unruhe ist aktuell Anthropics Börsengang mit einer anvisierten Bewertung von bis zu 2 Billionen US-Dollar, der nun offizielle Formen einnimmt. Das Unternehmen hat die S1-Registrierung bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht, die erstmals öffentliche Einblicke in die Geschäftszahlen gewährt.
Herausragende Werte wie die 80,7 Milliarden US-Dollar Nettoverlust im ersten Halbjahr 2026 sind bekannt. Aber erneut der Hinweis: 72,4 Milliarden US-Dollar – und damit der Großteil – stammt aus der Neubewertung von Wandelanleihen und anderen Finanzinstrumenten.
Blickt man auf Kennziffern wie den operativen Verlust, sind die Ergebnisse weniger spektakulär. Dieser lag im ersten Halbjahr 2026 bei 693 Millionen US-Dollar, im Vorjahreszeitraum waren es noch 2,13 Milliarden US-Dollar. Der Grund: Die Umsatzexplosion durch Claude Code: In den ersten sechs Monaten im Jahr 2025 nahm Anthropic noch 1,16 Milliarden US-Dollar ein, im ersten Halbjahr 2026 sind es 16,29 Milliarden US-Dollar.
Es sind massive Umsatzsteigerungen. Für Investoren und Analysten geht es aber vor allem darum, ob sich diese Entwicklung fortsetzt. Angesichts der Rekordinvestitionen in die Infrastruktur – Anthropic zufolge belaufen sich die Verpflichtungen auf bis zu 750 Milliarden US-Dollar – ist man ebenso wie der Rest der KI-Branche zum Erfolg verdammt.
Einen Marktüberblick lieferte die Analysefirma Gartner Mitte Oktober. Der Prognose zufolge fließen in diesem Jahr insgesamt 1 Billion US-Dollar in die KI-Infrastruktur. Weitere 6 Billionen US-Dollar sollen zwischen 2027 und 2030 folgen. „Unsere Untersuchungen zeigen jedoch, dass die Einnahmen aus dem KI-Geschäft mit Unternehmen und Privatkunden nicht ausreichen werden, um profitable Renditen für alle geplanten KI-Investitionen in diesem Zeitraum zu liefern“, sagte Gartners Senior-Director-Analyst Will Sommer.
Nötig wären demnach rund 8,5 Billionen US-Dollar an Umsatz, den die KI-Branche bis 2030 erbringen muss. Den Gartner-Analysen zufolge werden es bis dahin aber nicht mehr als 3,6 Billionen US-Dollar sein.
Die nächste Schieflage im Markt: Bislang sind es in erster Linie die Big-Tech-Konzerne, die vom KI-Hype profitieren. „Trotz massiver Investitionen und eines breiten Hypes um künstliche Intelligenz hat die Technologie den US-Unternehmen außerhalb der Tech-Branche bislang keinerlei finanziellen Ertrag gebracht“, schreibt Torsten Slok, Chef-Ökonom des Vermögensverwalters Apollos, in einer vielbeachteten Analyse. Profitieure sind bislang nur die Magnificent 7 – also Apple, Microsoft, Amazon, die Google-Mutter Alphabet, Meta, Nvidia und Tesla. Der Rest der Wirtschaft wartet hingegen noch auf Produktivitätsgewinne.
Laut Slok betrachtet die breite Masse der Unternehmen die Token-Ausgaben daher weniger als Wachstumsquelle, sondern vor allem „als Kostenfaktor, der auf die Marge drückt“. Die Folge ist, dass Unternehmen sich bei den KI-Investitionen eher zurückhalten.
Eine weitere Schieflage: KI-Anbieter wie Anthropic und OpenAI sind bislang von wenigen Großkunden abhängig, wie Zahlen der Analysefirma Ramp zeigen: Während das Top-1-Prozent der Kunden im September 9.567 US-Dollar pro Mitarbeiter für KI-Dienste ausgibt, liegt der Median aller Unternehmen bei 15,70 US-Dollar. Der Haken, der den Markt nervös macht: Die Ausgaben der Großkunden sind zuletzt nicht mehr gestiegen.