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Entsetzen ist nicht bloß intensive Angst
Schock statt Furcht: Eine grausame Nachricht kann uns tief erschüttern, selbst wenn uns keine Gefahr droht. Psychologische Experimente zeigen nun, dass extremes Leid und drastische Schilderungen das Entsetzen stärker steigern als die Angst. Offenbar spielt dabei eine Rolle, wie sehr das Geschehen von unseren Erwartungen abweicht.
Akita (Japan). Wer von einer möglichen Bedrohung erfährt, kann Angst um seine Sicherheit empfinden. Doch Berichte über bereits geschehene Gewalttaten lösen mitunter etwas anderes aus: Entsetzen über das Ausmaß des Leids. Beide Gefühle werden im Alltag oft gleichgesetzt, obwohl sie auf unterschiedliche Merkmale einer Situation ansprechen können.
Angst richtet sich vor allem auf drohende Gefahren und mögliche eigene Schäden. Entsetzen entsteht dagegen häufig beim Erfahren von extremem oder kaum vorstellbarem Leid, auch wenn die Betroffenen Fremde sind. Frühere Untersuchungen lieferten bereits Hinweise auf diese Unterscheidung. Offen blieb jedoch, was genau ein solches Ereignis als ungewöhnlich erscheinen lässt.
Die Psychologin Dr. Pamela Marie Taylor von der Akita International University (AIU) hat deshalb untersucht, welche Eigenschaften einer Schilderung das Entsetzen verstärken. Dazu verwendete sie zwei Experimente, in denen Teilnehmer kurze Nachrichtenüberschriften über verletzte oder getötete Menschen lasen. Anschließend bewerteten sie ihre Gefühle und wie ungewöhnlich ihnen das jeweilige Geschehen vorkam.
Die Überschriften unterschieden sich systematisch in zwei Punkten: Mal war der geschilderte Schaden moderat, mal extrem. Außerdem beschrieben einige Texte die Verletzungen allgemein und abstrakt, andere verwendeten konkrete, anschauliche Einzelheiten. So ließ sich untersuchen, ob das Ausmaß des Leids und die Wortwahl unterschiedlich auf Angst und Entsetzen wirken.
Das Ergebnis: Besonders schwere Schädigungen verstärkten beide Gefühle, doch das Entsetzen nahm deutlich stärker zu als die Angst. Ähnliches galt für die Sprache. Je konkreter eine Überschrift das Leid schilderte, desto stärker stieg das berichtete Entsetzen im Vergleich zur Angst. Dieser grundlegende Befund zeigte sich in beiden Experimenten.
Zugleich stuften die Teilnehmer extreme Schäden und anschaulich beschriebene Ereignisse als ungewöhnlicher ein. Die statistischen Analysen zeigten, dass diese Bewertung eng mit der stärkeren Entsetzensreaktion zusammenhing. Nicht allein die Heftigkeit einer emotionalen Erregung scheint demnach entscheidend zu sein, sondern auch der Eindruck, dass etwas die gewohnten Vorstellungen sprengt.
Die Forscherin prüfte außerdem, ob die von den Teilnehmern selbst eingeschätzte körperliche Erregung den Unterschied erklären konnte. Dafür ergab sich allerdings kein einheitliches Bild. Der Zusammenhang mit der wahrgenommenen Ungewöhnlichkeit zeigte sich dagegen in beiden Untersuchungen. Das stützt die Vorstellung, dass Entsetzen und Angst mehr unterscheidet als nur die Stärke eines Gefühls.
Die Ergebnisse machen deutlich, dass nicht nur der Inhalt einer Gewaltnachricht ihre Wirkung prägen kann. Auch die Entscheidung, ob ein Geschehen allgemein oder mit drastischen Einzelheiten beschrieben wird, beeinflusste die Reaktionen im Experiment. Selbst bei einer sachlich richtigen Schilderung kann die Wortwahl somit verändern, wie außergewöhnlich und erschütternd ein Ereignis erscheint.
Allerdings untersuchte die Studie nur kurze englischsprachige Schlagzeilen über körperlichen Schaden. Die konkreteren Texte waren zudem länger als die abstrakten, was die Wirkung mitbeeinflusst haben könnte. Auch wurde das Gefühl der Ungewöhnlichkeit nur gemessen und nicht unabhängig verändert. Die statistischen Zusammenhänge belegen daher noch nicht, dass gerade diese Wahrnehmung das Entsetzen verursacht.