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Gletscherrückgang könnte Gesundheit von Bienen gefährden
Geteilte Blüten können Krankheitserreger zwischen Honig- und Wildbienen übertragen. In einem Gletschervorfeld der Schweizer Alpen fanden Forscher jedoch überraschend getrennte Erregergemeinschaften, offenbar weil beide Gruppen meist andere Pflanzen nutzen. Mit fortschreitendem Gletscherrückzug könnte diese natürliche Barriere schwächer werden, wenn sich das Blütenangebot verändert.
Lausanne (Schweiz). Wo ein Alpengletscher zurückweicht, entsteht nicht einfach nur eisfreier Boden. Pionierpflanzen besiedeln die Fläche, später folgen weitere Pflanzengemeinschaften, und mit ihnen verändert sich das Angebot an Blüten für Bestäuber. Das kann darüber entscheiden, wie häufig Wild- und Honigbienen dieselben Futterplätze nutzen und dort mit denselben Krankheitserregern in Kontakt kommen.
Forscher der Università degli Studi di Milano (UniMi) um Prof. Carlo Polidori haben diesen Zusammenhang am Mont Miné untersucht. Das Team verglich vier Abschnitte des Gletschervorfelds, deren Moränen auf 1989, 1925, 1900 und 1864 datieren. In den Sommern 2022 und 2023 erfassten die Wissenschaftler die besuchten Pflanzen und untersuchten jede gefangene Biene auf fünf Pathogene.
Insgesamt kamen 335 Bienen aus 36 Arten zusammen, darunter 230 Wildbienen und 105 Honigbienen. Dabei zeigte sich eine auffällige Aufteilung der Blütenressourcen: 92 der 105 Honigbienen, also 88 Prozent, wurden auf nur drei Pflanzenarten gesammelt. Von den 37 insgesamt besuchten Pflanzenarten wurden dagegen 26 ausschließlich von Wildbienen genutzt.
Diese Nischentrennung spiegelte sich im Erregerspektrum. Akutes und chronisches Bienenparalysevirus sowie der einzellige Parasit Lotmaria passim wurden nur bei Honigbienen nachgewiesen. Nosema ceranae und das Flügeldeformationsvirus DWV kamen auch bei Wildbienen vor.
Beim DWV lag die Trennung sogar innerhalb desselben Virus: In der genauer typisierten Stichprobe trugen Wildbienen ausschließlich Variante A, Honigbienen ausschließlich Variante B. Die Forscher fanden bei allen DWV-positiven Proben Anzeichen einer aktiven Virusvermehrung. Das beweist jedoch weder eine dauerhafte Infektion auf Populationsebene noch eine effiziente Weitergabe zwischen den Bienenarten.
Mit dem Alter der eisfreien Flächen änderte sich vor allem die Virusmenge. Bei Wildbienen war die Menge von DWV-A in der dritten, seit etwa 1900 eisfreien Stufe signifikant höher als in der jüngsten Stufe. Bei Honigbienen lag DWV-B in den beiden älteren Stufen 3 und 4 höher als in den Stufen 1 und 2.
Für N. ceranae zeigte sich dagegen kein entsprechender Unterschied der Erregermenge zwischen den Gletscherstadien. Auch Sozialverhalten, Neststandort und Körpergröße der Wildbienen erklärten die Pathogenlast nicht. Ins Blickfeld rückt damit vor allem, wie sich Blütenangebot und Bienenbesuche entlang der Gletschersukzession verteilen.
Die Daten belegen allerdings keinen einfachen Übertragungsweg von Honigbienen zu Wildbienen. Im Gegenteil spricht die unterschiedliche DWV-Variante eher für weitgehend getrennte Virusdynamiken. Nach Ansicht der Autoren könnte gerade die geringe Überschneidung bei den besuchten Blüten derzeit wie eine ökologische Barriere wirken.
Diese Barriere muss nicht stabil bleiben. Mit zunehmendem Gletscherrückzug verändern sich die Pflanzengemeinschaften, und wichtige Pionierblüten können seltener werden. Wenn Wild- und Honigbienen dadurch stärker auf dieselben Nahrungsquellen angewiesen sind, könnten gemeinsam besuchte Blüten häufiger zu Kontaktpunkten für infektiöse Partikel werden.