// SCINEXX — SPAZIO & SCIENZA
Intensive ChatGPT-Nutzung führt zu Isolation und Denkfaulheit
Bequem, aber nicht folgenlos: In einer qualitativen Studie mit 45 regelmäßigen ChatGPT-Nutzern berichteten viele von weniger eigenständigem Prüfen, schwächerer Erinnerung und wachsender Abhängigkeit vom Chatbot. Zugleich zeigte sich, dass reflektierte Nutzung auch helfen kann, kreative Ideen zu entwickeln und anspruchsvolle Aufgaben zu strukturieren.
Paris (Frankreich). ChatGPT kann Texte entwerfen, Probleme zerlegen und Wissen in Sekunden aufbereiten. Gerade diese Bequemlichkeit wirft jedoch eine Frage auf: Was passiert, wenn der digitale Helfer nicht mehr ergänzt, sondern immer häufiger eigenes Nachdenken ersetzt?
Zeineb Farhat von ISC Paris hat diese Grenze in einer qualitativen Untersuchung mit 45 regelmäßigen ChatGPT-Nutzern untersucht. Die Studie erfasste keine objektiven Gedächtnis- oder Leistungstests, sondern die Erfahrungen und Selbstbeobachtungen der Befragten. Damit zeigt sie typische Muster einer starken Nutzung, kann aber nicht belegen, dass ChatGPT die beschriebenen Veränderungen verursacht.
In den Interviews beschrieben viele Teilnehmer, dass sie bei Aufgaben schneller zum Chatbot griffen und Antworten seltener selbst überprüften. Farhat fasst dieses Muster als kognitive Abhängigkeit zusammen: Wenn eine fertige Lösung jederzeit verfügbar ist, sinkt nach den Berichten der Anreiz, ein Problem ausführlich zu durchdenken, Quellen gegeneinander abzuwägen oder eine eigene Lösung zu entwickeln.
Auch das Erinnern schien darunter zu leiden. Befragte berichteten, Informationen häufiger über ChatGPT erneut abzurufen, statt sie selbst zu behalten und aktiv zu erinnern. Das passt zum Prinzip des kognitiven Auslagerns, bei dem Menschen geistige Arbeit an externe Hilfsmittel delegieren. Die Studie zeigt dabei allerdings subjektiv wahrgenommene Veränderungen und keine gemessene Verschlechterung des Gedächtnisses.
Die Folgen blieben in den Berichten nicht auf Denken und Erinnern beschränkt. Mehrere Nutzer schilderten, dass sie dem eigenen Urteil weniger vertrauten und selbst bei einfachen Entscheidungen Rückversicherung durch ChatGPT suchten. Andere beschrieben sinkende Eigenmotivation, weil der Chatbot schwierige Schritte sofort abnahm und damit auch einen Teil der Anstrengung beseitigte, die sonst zum Lernen gehört.
Bei besonders starker Abhängigkeit konnte die Verfügbarkeit des Systems selbst zum Problem werden. Einige Befragte berichteten von Unruhe oder einem Gefühl der Handlungsunfähigkeit, wenn ChatGPT vorübergehend nicht erreichbar war. Solche Aussagen deuten auf eine psychologische Bindung an das Werkzeug hin, erlauben aber keine Diagnose einer Sucht oder einer psychischen Störung.
Ein weiterer Schwerpunkt der Interviews waren soziale Veränderungen. Manche Teilnehmer gaben an, Ideen seltener mit Freunden, Kollegen oder Lehrern zu besprechen, weil der Chatbot schneller und jederzeit verfügbar antwortete. Bei einigen ging diese Verschiebung mit dem Gefühl sozialer Isolation einher.
Zudem beschrieben einzelne Nutzer ChatGPT zunehmend wie einen persönlichen Begleiter. Eine solche Vermenschlichung kann kurzfristig Nähe vermitteln, ersetzt aber keine wechselseitige menschliche Beziehung. Die Studie wertet dies deshalb als mögliches Risiko, wenn Gespräche mit der KI reale Kontakte dauerhaft verdrängen.
Die Untersuchung zeichnet jedoch kein ausschließlich negatives Bild. Einige Teilnehmer setzten ChatGPT gezielt als Hilfsmittel ein, etwa um Ideen zu sammeln, komplexe Informationen zu ordnen oder einen ersten Entwurf zu strukturieren. Wenn sie die Vorschläge anschließend prüften, weiterentwickelten und mit eigenem Wissen verbanden, unterstützte der Chatbot nach ihren Berichten Kreativität und reflektiertes Lernen.