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Indigene Bevölkerung Australiens war vor der Kolonisierung deutlich größer als gedacht
Die indigene Bevölkerung Australiens war vor der britischen Kolonisierung offenbar viel größer als lange angenommen. Eine neue Modellierung kommt für die Zeit vor 1788 auf rund 2,2 Millionen Menschen statt der oft genannten 250.000 bis 300.000. Bis 1861 könnte die Bevölkerung infolge von Krankheiten, Gewalt und weiteren Kolonialfolgen auf rund sieben Prozent des Ausgangsniveaus eingebrochen sein.
Cairns (Australien). Wie viele Aboriginal und Torres-Strait-Islander vor der britischen Invasion und Kolonisierung Australiens lebten, ist bis heute nur indirekt rekonstruierbar. Systematische Zählungen gab es nicht, und viele historische Beobachtungen entstanden erst, nachdem eingeschleppte Krankheiten, Vertreibung und Gewalt die Bevölkerung bereits stark verändert hatten. Gerade deshalb prägten vergleichsweise niedrige Schätzungen über Jahrzehnte das Bild der vorkolonialen Demografie.
Eine besonders einflussreiche Schätzung des Anthropologen Alfred Radcliffe-Brown lag bei 250.000 bis 300.000 Menschen. Schon er hielt seine Zahl für wahrscheinlich zu niedrig, dennoch wurde sie lange als wichtige Ausgangsgröße verwendet. Spätere Arbeiten kamen auf höhere Werte, doch auch diese beruhten zum Teil auf historischen oder ethnografischen Beobachtungen aus einer bereits kolonial beeinflussten Bevölkerung.
Um diese Verzerrung zu umgehen, hat ein Team des Australian Research Council Centre of Excellence for Indigenous and Environmental Histories and Futures (CIEHF) mehrere voneinander unabhängige Ansätze zusammengeführt. Dazu gehören archäologische Radiokarbondaten, genetische Rekonstruktionen früherer Populationsgrößen und Modelle der ökologischen Tragfähigkeit. Letztere schätzen anhand von Klima, Wasserverfügbarkeit und Produktivität, wie viele Menschen unterschiedliche Landschaften dauerhaft ernähren konnten.
Entscheidend ist die Übereinstimmung der voneinander unabhängigen Methoden. Die Autoren verlassen sich nicht auf eine einzelne historische Zählung, sondern vergleichen Modellwerte aus verschiedenen Datenquellen. Eine Vorabfassung der Arbeit aus dem Jahr 2024 ergab noch einen Median von 2,51 Millionen Menschen. Die nun veröffentlichte Fassung kommt nach der Überarbeitung auf rund 2,2 Millionen.
Damit liegt die neue Schätzung ungefähr achtmal so hoch wie die oft zitierte Größenordnung von 250.000 bis 300.000 Menschen. Sie bedeutet nicht, dass 1788 eine exakte Volkszählung rekonstruierbar wäre. Vielmehr handelt es sich um eine Modellschätzung, deren Aussagekraft davon abhängt, wie gut archäologische, genetische und ökologische Daten die damalige Bevölkerung abbilden.
Gerade die älteren historischen Angaben sind problematisch, weil sie vielfach auf Beobachtungen aus dem 19. Jahrhundert zurückgehen. Zu diesem Zeitpunkt hatten Pocken und andere eingeschleppte Krankheiten bereits große Teile der Bevölkerung erreicht. Gleichzeitig führten koloniale Landnahme, Vertreibung, Unterversorgung und Gewalt zu weiteren Verlusten, die in zeitgenössischen Aufzeichnungen nur unvollständig erfasst wurden.
Aus der höheren Ausgangsgröße und den späteren Bevölkerungsangaben leiten die Forscher auch das Ausmaß des demografischen Einbruchs ab. Nach der veröffentlichten Modellrechnung wären zwischen 1788 und 1861 rund 2,06 Millionen zusätzliche Todesfälle nötig, um den beobachteten Rückgang zu erklären. Bis 1861 entsprach die verbleibende indigene Bevölkerung demnach nur noch etwa sieben Prozent der geschätzten Ausgangsgröße.
Diese Zahl ist keine historische Liste gezählter Todesfälle. Sie ist ein demografischer Rückschluss aus dem modellierten Ausgangsniveau und dem späteren Bevölkerungsstand. Als Ursachen kommen nicht nur einzelne Epidemien infrage, sondern das Zusammenwirken von eingeschleppten Krankheiten, Massakern und anderer Grenzgewalt, Vertreibung, Verlust von Land und Nahrungsgrundlagen sowie weiteren Folgen der Kolonisierung.
Die Rekonstruktion verschiebt damit die Größenordnung, in der die Folgen der Kolonisierung bewertet werden. Sie spricht