// TAGESSCHAU AUSLAND — MONDO
Prozess gegen Thaci: Wird Kosovos Ex-Präsident verurteilt?
Hashim Thaci hat den Kosovo mit der Kosovarischen Befreiungsarmee in die Unabhängigkeit geführt. Hat der Ex-Präsident dabei Kriegsverbrechen begangen? Ein Sondertribunal in Den Haag fällt heute sein Urteil.
Mitten auf der zentralen Flaniermeile in Pristina, der Hauptstadt des Kosovo, tickt ein Countdown. Auf einem riesigen Bildschirm werden die Tage, Stunden, Minuten und Sekunden heruntergezählt, bis in Den Haag das vor dem Kosovo-Sondertribunal das Urteil gegen Hashim Thaci und drei weitere Schlüsselfiguren der inzwischen aufgelösten Befreiungsarmee des Kosovo (UCK) gefällt wird.
Tausende hatten sich an diesem Wochenende im Zentrum Pristinas versammelt, um für einen Freispruch zu demonstrieren. Denn für die albanisch-stämmige Mehrheit ist Thaci ein Held: ein Anführer gegen die serbischen Truppen, ein Kämpfer für die Eigenständigkeit und Freiheit des Kosovo.
Man kann jedoch auch anders auf Thaci und die UCK-Miliz blicken. So wie die serbischstämmige Silvana Marinkovic. In einem Vorort von Pristina führt sie zu einem Mahnmal, bestehend aus sieben Buchstaben, die das Wort "Missing" - also "Vermisst" - bilden. Auf den mannshohen Buchstaben stehen Fotos von Menschen, die seit dem Kosovokrieg zwischen 1998 und 1999 vermisst werden, darunter auch das ihres Mannes.
"Es ist schwer, wenn man fünf Minuten lang nicht weiß, wo ein geliebter Mensch ist, geschweige denn 27 Jahre lang", sagt die schwarzhaarige Frau, die zur serbischen Minderheit im Kosovo gehört. Uniformierte hätten ihren Mann damals an einem Checkpoint entführt, in ein Lager gebracht und dort ermordet, so ihr Verdacht: "Die Lager wurden von der UCK-Armee betrieben. Sie bewachten diese Lager in Uniformen und mit automatischen Waffen, und alle hatten ihre Gesichter bedeckt."
Ex-Präsident Thaci hat im Kosovo immer noch viele Anhänger: Sie demonstrierten am Wochenende für seine Freilassung.
Es sind Geschichten wie die von Marinkovic, für die sich Thaci vor Gericht verantworten muss. Die Anklage fordert 45 Jahre Haft wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit - Mord, Folter und die Verfolgung von Zivilisten.
Doch der Fall geht weit über die Person Thaci hinaus: Es geht darum, wie sich die Schuld verteilt, in einem Krieg zwischen Serben und Kosovo-Albanern, der 13.000 Menschen das Leben kostete und erst nach einem wochenlangen NATO-Bombardement serbischer Einheiten beendet wurde.
Soldaten ermordeten dort vor 31 Jahren mehr als 8.000 Bosniaken. Bis heute suchen Angehörige nach Spuren der Opfer.
mehr
Alles begann im Jahr 1989, als Serbiens damaliger Präsident Slobodan Milosevic sämtliche Autonomierechte des Kosovo annullierte und die Region unter die Kontrolle Belgrads stellte. Der friedliche Widerstand, angeführt von Kosovos damaligem Präsidenten Ibrahim Rugova, konnte daran nichts ändern, woraufhin die paramilitärische UCK die Bildfläche betrat - mit terroristischen Attacken gegen serbische Polizisten und Einrichtungen. Später brachte die UCK Teile des Kosovo vorübergehend unter ihre Kontrolle.