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In Deutschland lebten vor über 300.000 Jahren Makaken
Ein fast vollständig erhaltener Milchzahn belegt einen Makaken im niedersächsischen Schöningen vor mehr als 300.000 Jahren. Die Forscher ordnen den weniger als einen Zentimeter langen Zahn einem etwa einjährigen Tier zu, das dem heutigen Berberaffen sehr nahe stand. Der Fund ist der nördlichste Nachweis eines Makaken in Kontinentaleuropa und erweitert das Bild seines eiszeitlichen Lebensraums.
Frankfurt am Main (Deutschland). Berberaffen sind die einzige heute lebende Makakenart, die nicht in Asien heimisch ist. Ihre natürlichen Bestände leben heute vor allem in Marokko und Algerien, während die bekannte Population in Gibraltar vom Menschen eingeführt wurde. Fossilien zeigen jedoch, dass Makaken während des Pleistozäns viel weiter über Europa verbreitet waren.
Schöningen in Niedersachsen ist für außergewöhnlich gut erhaltene Funde aus der Altsteinzeit bekannt. Aus den Sedimenten eines damaligen Seeufers stammen zahlreiche Tierknochen, Pflanzenreste und menschliche Artefakte. Schon 2004 wurde dort auch ein winziger Primatenzahn geborgen, dessen Bedeutung nun genauer untersucht worden ist.
Das Team um Studienleiter Prof. Dr. Thijs van Kolfschoten von der Universität Leiden identifiziert den Fund als oberen vierten Milchprämolaren, also einen Milchbackenzahn. Die wissenschaftliche Zuordnung lautet Macaca cf. sylvanus und verweist auf eine Form, die dem heutigen Berberaffen sehr nahe steht. Der Zahn stammt demnach von einem etwa einjährigen Tier.
„Es handelt sich um den Milchbackenzahn eines jungen, etwa einjährigen Makaken (Macaca cf. sylvanus), einer Art, die dem heute lebenden Berberaffen (Macaca sylvanus) sehr nahe steht. Schöningen liegt rund 1.800 Kilometer weiter nördlich als das heutige nördlichste Verbreitungsgebiet dieser Art. Damit gehört der Zahn zu den nördlichsten Funden von Makaken aus dem mittleren Pleistozän und ist der nördlichste Fund aus Kontinentaleuropa überhaupt“, erklärt Prof. Dr. Thijs van Kolfschoten.
Der Fund ist damit nicht nur für die Fundstelle selbst ungewöhnlich. Er verschiebt den sicheren kontinentalen Nachweis der Makaken in eine Region, die weit nördlich ihrer heutigen natürlichen Vorkommen liegt. Ein einzelner Zahn zeigt allerdings nicht, wie groß die damalige Population war oder wie lange die Tiere dort lebten.
Vor rund 310.000 Jahren lag Schöningen an einem See in einer offenen Waldlandschaft mit Birken und Kiefern. Dr. Jordi Serangeli vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment (SHEP) an der Universität Tübingen verweist auf Umweltanalysen, nach denen die Sommer ähnlich warm wie heute waren. Die Winter waren dagegen mindestens ein Grad Celsius kälter.
Dass Makaken so weit im Norden vorkamen, passt zu ihrer beträchtlichen ökologischen Flexibilität. Auch heutige Berberaffen in den marokkanischen Hochgebirgen können sehr kalte Winter erleben. Für Schöningen spricht der Fund deshalb gegen die Vorstellung, diese Primaten seien im Pleistozän auf milde Mittelmeerregionen beschränkt gewesen.
Fossile Makaken sind aus mehreren Teilen Europas bekannt, darunter Spanien, Italien, Griechenland, Deutschland, die Niederlande und England. Die Funde bleiben insgesamt selten, zeigen aber eine über lange Zeit deutlich größere Verbreitung als heute. Schöningen markiert nun den nördlichsten Nachweis auf dem europäischen Festland.
„Die Art war über einen sehr langen Zeitraum in Europa weit verbreitet. Mehrere Berberaffen-Reste wurden sogar in England gefunden“, erklärt Prof. Dr. Thijs van Kolfschoten.