// HEISE ONLINE — SALUTE
Zahlen, bitte! Zeile 404: Kurz vor Ende ein „Hmmm“ im Eliza-Code
„Eliza“, die Chat-Simulation, vermochte mit einfachsten Mitteln viele Gesprächspartner zu beeindrucken. Möglich machten das auch äußerst menschelnde Antworten.
This article is also available in
English.
It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.
Als Computer mit direkter I/O über Tastatur, Fernschreiber oder Terminal zu Dialogsystemen mutierten, schrieb Joseph Weizenbaum ein Chat-Simulationsprogramm, das die neue Technik ausreizte. Eliza, so der spätere Name des Programmes, wanderte in zahllosen Versionen und Varianten um die Welt.
In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.
Dabei geriet der Source-Code schnell in Vergessenheit. Mit dem Buch „Inventing Eliza“ beschreibt eine Gruppe von Programmiererinnen und Programmierern, wie er nach 60 Jahren aus den persönlichen Notizen rekonstruiert und zum Laufen gebracht wurde, mit einigen überraschenden Einsichten. Die 411 Codezeilen enthalten zum Schluss in Zeile 404 ein „Hmmm“. Der sehr menschliche „Denklaut“, der von automatischen Transkriptionsprogrammen gerne ignoriert wird, zeigt, wie viel Mühe sich Weizenbaum gab, sein Programm zu personalisieren.
Neben „Please Continue“, „Go on, please“ und „I see“ ist „Hmmm“ eine der Schleifen, die von der Chat-Software Eliza genutzt wird, um ein Gespräch in Gang zu halten. In „echten“ Gesprächen wird sie im Deutschen wie im Englischen in ähnlicher Weise benutzt. Vom Team Eliza, das die Rekonstruktion des Source Codes besorgte, wird sie als „subtile Anthropomorphisierung“ durch den Programmierer beschrieben. Mit „Inventing Eliza“ ist ein Buch erschienen, das den originalen Source Code von Weizenbaums Chat-Programm Eliza und dem Skript-Programm Doctor aus vielen Blickwinkeln beleuchtet.
Der deutsch-amerikanische Informatiker Joseph Weizenbaum (* 8. Januar 1923 in Berlin; † 5. März 2008 ebenda) galt nicht nur dank seines Eliza-Programms als Pionier der KI-Forschung. Mit der Zeit wurde er allerdings immer kritischer gegenüber dem Einsatz von künstlicher Intelligenz, erst recht im militärischen Einsatz.
Es ist gewissermaßen der Abschlussbericht zum Projekt „Finding Eliza“, nachdem es jahrelang geheißen hatte, dass der Source Code verschollen war. Schließlich fand man eine weitgehend vollständige Version des von Weizenbaum in MAD-SLIP (Michigan Algorithm Decoder - Symmetric List Processor) geschriebenen Programmes in seinen am MIT verbliebenen Papieren. Die für den IBM 7090/7094 geschriebene Software wurde vom Projekt für C++ veröffentlicht.
Weizenbaum selbst hatte sein Programm 1966 in den Communications of the ACM 9 ausführlich beschrieben, dabei aber einige Details wie das „Hmmm“ weggelassen. Bernie Cosell, ein Programmierer, der beim Arpanet-Pionier Bolt Beranek and Newman Software für den Interface Message Processor entwickelte, schrieb in seiner Freizeit eine Eliza-Variante in BBN-Lisp allein nach dem Zeitschriften-Text von Weizenbaum. Dieses Eliza verbreitete sich schnell über das junge Arpanet und war für den Eindruck verantwortlich, dass Eliza ein Lisp-Programm ist.
Noch größere Verbreitung erzielte die Einbettung von Eliza in den Texteditor Emacs durch Richard Stallman, wo das Programm je nach Terminal durch die Eingabe von Alt+x oder Esc+x und „doctor“ gestartet werden konnte. Spätere Emacs-Versionen konnten durch die Eingabe von „psychoanalyze-pinhead“ zur Konversation mit dem Computer durch Zippyismen führen, bis Stallman das unterband, weil er Copyright-Verletzungen befürchtete.