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Digitalisierung in der Kardiologie: Zwischen Fortschritt und Frust
KI revolutioniert die Kardiologie, doch die Digitalisierung hinkt. Visionen treffen auf frustrierende Realität im deutschen Gesundheitswesen.
Die Charité plant den Umbau des aktuellen Herzzentrums zum Hightech-Herzzentrum.
Wie weit Möglichkeiten und Alltag in der digitalen Kardiologie auseinanderliegen, zeigen die Herztage der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK). Unter dem Titel „Künstliche Intelligenz im Alltag der Kardiologie“ trafen die Vision eines Krankenhauses ohne Tastatur und der Frust über PDF-Sammlungen und leere Ordner in der elektronischen Patientenakte aufeinander. Ausgerichtet wurde die Veranstaltung der DGK gemeinsam mit dem Digital Cardiology and Artificial Intelligence Committee der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC).
Dr. Max Tschochohei, Softwareentwickler bei Google, zeigte zum Einstieg, wie stark die Forschung zu KI-gestützten klinischen Entscheidungsunterstützungssystemen gewachsen ist. In der Klinik greife man dagegen bei schwierigen Fragen zum Smartphone und frage ChatGPT. Oft bekämen sie wohl die richtige Antwort, offiziell dürften sie das aber nicht. Er stellte die Frage, warum solche Systeme noch nicht in der Fläche ankommen.
Simon Glück, Geschäftsführer der BNK Service GmbH, einer Tochter des Bundesverbands Niedergelassener Kardiologen (BNK), beschrieb die Ausgangslage nüchtern. Die Telematikinfrastruktur (TI) sei Infrastruktur und keine Versorgung. Eine Datenübergabe bringe erst etwas, wenn sich jemand für den nächsten Schritt zuständig fühle.
Sein Beispiel: Eine Klinik entlässt einen Patienten nach einem akuten Koronarsyndrom. Sie weiß, dass er schnell einen Termin beim niedergelassenen Kardiologen benötigt und dass die Lipidsenkung im Blick bleiben muss. Ob diese Information in der Praxis ankommt, stelle aber niemand sicher: „Es gibt kein System dafür“. Außerdem fehlten ein Rückkanal mit Eingangsbestätigung, eine Eskalation bei Warnzeichen („Red Flags“) und eine einheitliche Identifizierung der Patienten. Die Daten seien nicht strukturiert und oft keinem Behandlungsfall zeitlich zugeordnet.
Aus einer stationären Einrichtung habe er gehört, dass dort täglich mehrere Faxe mit Patientendaten eingehen. Man lege sie auf einen Stapel und warte ab, ob der Patient kommt. Eine ähnliche Folie habe er schon vor fast zehn Jahren gezeigt, und seitdem habe sich wenig geändert.
Die elektronische Patientenakte (ePA) sei der Anfang eines „Backbones“ für ein medizinisches Informationssystem. Im Moment sei sie aber vor allem eine Sammlung von PDF-Dokumenten, was regelmäßig bemängelt wird. Den größten Nutzen sieht Glück bisher im Medikationsplan. Dann fragte er in den Saal, wer schon einen TI-Messenger nutzt – nur eine Person meldete sich.
Eine Person aus dem Publikum brachte den Messenger Siilo ins Spiel. Doctolib hatte den Dienst übernommen und später in Doctolib Connect umbenannt. Die Übernahme sehe er kritisch. Vergangene Woche habe sie den TI-Messenger genutzt und einen Kollegen angeschrieben, bisher allerdings keine Antwort erhalten.
Glück sprach auch über Daten aus Wearables, digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) und dem inzwischen vergüteten Telemonitoring bei Herzinsuffizienz. Für diese Daten fehle eine „Brückenfunktion“ in die Versorgung. Er forderte ein „digitales Betriebssystem für den Versorgungspfad“, dazu gehören für ihn eine eindeutige Patientenidentität und Interoperabilität, ein strukturierter Mindestdatensatz, der sich jedoch in der Entwicklung befindet, Register und Feedbackschleifen sowie Regeln für Governance und Kompetenz. Das größte Problem sei bei all den Plänen die Finanzierung. Mit der aktuellen Gesetzgebung „laufen wir eher wieder rückgängig“.