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Was geschah, nachdem der Schwarze Tod Millionen Menschen das Leben kostete?
Jahrhundertelange Nachwirkung: Nach dem Schwarzen Tod verschwand die Pest nicht aus Europa, sondern kehrte bis ins 18. Jahrhundert in genetisch unterschiedlichen Linien zurück. Alte Erreger-DNA und eine neue Datierungsmethode erlauben es nun, viele Pestgenome vorsichtig mit konkreten historischen Ausbrüchen zu verbinden. Dabei werden auch Kriege und wiederholte Einschleppungen als wichtige Wege der Ausbreitung sichtbar.
Chur (Schweiz). Der Schwarze Tod von 1347 bis 1353 prägte den Beginn der zweiten Pestpandemie in Europa, aber er war nicht ihr Ende. Der Erreger Yersinia pestis tauchte danach über Jahrhunderte immer wieder in europäischen Städten und Regionen auf, doch wie diese späteren Wellen miteinander zusammenhingen, blieb oft unklar.
Ein Grund dafür ist die Datierung alter Pestopfer: Radiokarbondaten archäologischer Überreste können Zeitfenster von mehr als 100 Jahren umfassen. Dadurch lässt sich ein altes Bakteriengenom häufig nicht eindeutig einem historisch dokumentierten Ausbruch zuordnen.
Forscher der University of Tartu (UT) um Dr. Marcel Keller haben nun Pest-DNA aus 11 archäologischen Fundorten in Estland, Russland, England, den Niederlanden und der Schweiz untersucht. Sie gewannen 11 vollständige und 15 Genome mit geringerer Abdeckung von Yersinia pestis aus der Zeit von 1349 bis 1710.
Um solche Genome genauer in die Geschichte einzuordnen, entwickelte das Team das „Phylogenetically Informed Radiocarbon Modeling“ (PhIRM). Dabei werden Radiokarbondaten mit der zeitlichen Reihenfolge aus dem Stammbaum des Erregers kombiniert, sodass sich breite Datierungsintervalle für einzelne Proben verkleinern können.
„Bei COVID-19 konnten Wissenschaftler die Ausbreitung einzelner Stämme sehr genau rekonstruieren, weil die Genome mit präzisen Zeitstempeln versehen waren. Bei historischen Pandemien fehlen diese Zeitstempel häufig oder sie können mehr als 100 Jahre umfassen, was unsere Möglichkeiten zur Interpretation der genetischen Daten einschränkt“, erklärt Dr. Marcel Keller.
Mit dem Verfahren haben die Forscher 64 bereits veröffentlichte und 11 neu sequenzierte Pestgenome neu eingeordnet und 75 Genome der zweiten Pestpandemie vorläufig mit historisch dokumentierten Pestwellen und einzelnen Ausbrüchen verknüpft. Gerade dieses „vorläufig“ ist wichtig, denn die Modellierung verbessert die zeitliche Zuordnung, ersetzt aber keine unabhängigen historischen oder archäologischen Belege.
„Wir konnten die Datierungsintervalle für viele Proben verbessern, wodurch wir sie mit bestimmten Pestwellen und Ausbrüchen verbinden konnten, die Chronisten in den jeweiligen Städten oder Regionen aufgezeichnet hatten“, sagt Prof. Philip Slavin von der University of Stirling.
Die genetischen Daten zeichnen kein Bild eines Erregers, der nach dem Schwarzen Tod einfach an einem einzigen Ort verblieb. Stattdessen tauchten Pestlinien in verschiedenen Teilen Europas wiederholt auf, und für Estland fanden die Forscher Hinweise auf mehrere Einschleppungen seit dem späten 14. Jahrhundert sowie auf zuvor unbekannte genetische Linien.
Besonders auffällig ist eine starke Aufspaltung der Pestlinien zwischen etwa 1450 und 1500, als drei große Zweige entstanden. Nach Einschätzung des Teams könnten einige davon neue Reservoirs in wildlebenden Nagetierpopulationen aufgebaut haben. Ob dabei auch die ausgeprägte Dürre der Renaissance eine Rolle spielte, bleibt eine Hypothese und ist durch die Studie nicht als Ursache belegt.