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Zeigt dieses lebensgroße Felsbild einen kuschitischen Herrscher?
In Nord-Sudan haben Archäologen eine ungewöhnliche Felsgravur neu in ihren regionalen Kontext eingeordnet, die möglicherweise einen nubischen Herrscher der kuschitischen Epoche zeigt. Seine Lage in einem über Jahrtausende genutzten Grenzraum spricht dafür, dass der Ort lange vor dem Bau einer Kirche besondere Bedeutung besessen haben könnte.
Warschau (Polen). Am dritten Nilkatarakt trafen über Jahrtausende kulturelle Einflüsse aus dem nördlichen und südlichen Nubien aufeinander, während sich politische Grenzen und Herrschaftsräume immer wieder verschoben. Die Mahas-Region im heutigen Sudan war deshalb wiederholt eine Übergangszone, in der Menschen und kulturelle Traditionen aus verschiedenen Teilen des Niltals zusammenkamen.
Eine besonders rätselhafte Spur dieser langen Geschichte liegt bei Miseeda, wo eine mittelalterliche Kirche um ein deutlich älteres, lebensgroßes Felsbild errichtet wurde. Wen die monumentale Figur zeigt, wann sie entstand und welche Funktion sie ursprünglich erfüllte, ist trotz früherer Untersuchungen bis heute nicht sicher geklärt.
Ein Forschungsteam um Dr. Joanna Ciesielska von der University of Warsaw (UW) hat den Fund nun zusammen mit seinem archäologischen und sozialen Umfeld untersucht. Die Wissenschaftler kombinierten Geländebegehungen, Felsbildanalysen, ethnografische Feldforschung und räumliche Auswertungen mit Geoinformationssystemen und dokumentierten dabei fast 300 archäologische Fundstellen im Untersuchungsgebiet.
Diese Spuren belegen mehrere Phasen besonders intensiver Nutzung, darunter das Mesolithikum vor etwa 12.000 bis 8.200 Jahren und die späte Jungsteinzeit sowie Pre-Kerma-Zeit um 3000 bis 2500 vor Christus. Eine weitere deutliche Häufung stammt aus der christlichen Epoche vom sechsten bis zum 15. Jahrhundert, während Funde aus der klassischen Kerma- und der kuschitischen Zeit vergleichsweise selten sind.
Gerade deshalb fällt das lebensgroße Menschenbild besonders auf, denn frühere Untersuchungen ordneten es entweder der Kerma-Zeit oder allgemeiner der kuschitischen Epoche zu. Die neue Analyse legt sich auf kein genaueres Alter fest, hält aber die Deutung als mögliche Darstellung eines nubischen Herrschers weiterhin für plausibel.
Für diese Einordnung ist auch der Standort bedeutsam, weil monumentale Herrscherdarstellungen in Fels in der Region selten sind und solche Bilder politische Räume sichtbar markieren konnten. Als Vergleich nennen die Autoren das Felsbild des meroitischen Königs Sherkarer am Gebel Qeili, das als Zeichen von Herrschaft am südlichen Rand seines Reiches gedeutet wird.
Die Figur von Miseeda könnte demnach ebenfalls einen Grenzraum symbolisch markiert haben, doch für diese Funktion gibt es bislang keinen direkten Nachweis. Auch eine präzisere Datierung steht weiterhin aus, sodass weder die Identität der dargestellten Person noch ihre genaue historische Einordnung als gesichert gelten können.
Der Granithügel trägt außerdem weitere großformatige Gravuren, darunter einen Löwen, ein mögliches Nashorn und einen Elefanten sowie kleinere Darstellungen von Rindern. Im weiteren Umfeld fanden die Archäologen christliche Kreuze und Schiffe, menschliche Figuren unklaren Alters und zusätzliche Tierbilder, die dem Kerma-Horizont zugerechnet werden.
Im siebten Jahrhundert wurde die Kirche von Miseeda um das damals bereits alte Felsbild errichtet, wodurch die ältere Darstellung in einen neuen religiösen Zusammenhang geriet. Weitere christliche Gravuren in der Umgebung scheinen sich räumlich auf die Kirche zu beziehen, während Keramik aus dieser Phase Verbindungen zu den nubischen Königreichen Nobadia und Makuria erkennen lässt.