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TK-Manager: „In Deutschland haben wir einen echten Datenschutz-Fetisch“
Millionen Dokumente füllen die elektronische Patientenakte. Doch Nutzer kämpfen mit Datenbergen und umständlicher Bedienung. Das soll sich bessern.
Prof. Hanna Seidling (Universitätsklinikum Heidelberg), Dr. Ruth Hecker (Universitätsmedizin Essen), Mike von Gliszczynski (Bitmarck), Christian Nölter (TK), Dr. Susann May (Charité) Lena Dimde (Gematik), Marcel Weigand (Moderation)
In den elektronischen Patientenakten (ePA) liegen inzwischen insgesamt rund 117 Millionen Dokumente, darunter etwa 43 Millionen Arztbriefe. Das berichtete Lena Dimde, Product-Ownerin der ePA bei der Gematik, auf dem zweiten TI-Summit in Leipzig. Aus Krankenhäusern kamen bislang rund 4,3 Millionen Uploads.
Im Oktober vergangenen Jahres waren es nach ihrer Erinnerung erst 50.000 bis 80.000 Dokumente. Eine Zahl hatte vorab kaum jemand erwartet, so Dimde: Mehr als neun Millionen Zahn-Bonushefte seien bereits in den Akten gelandet, obwohl niemand sie einstellen müsse. Laut dem Forschungsprojekt ePA4All der Charité stehen außerdem 88 Prozent der Versicherten, die ihre Akte nicht selbst aktiv nutzen, der ePA grundsätzlich eher positiv gegenüber. Laut der Studie wünschen sich viele Versicherte, genauer festlegen zu können, wer auf ihre Akte zugreift. Vor allem aber wollen sie ihre Gesundheitsangelegenheiten selbst organisieren, etwa Termine buchen oder sich an Vorsorgeuntersuchungen erinnern lassen.
Lena Dimde zeigt die Ergebnisse einer Befragung. Versicherte wünschen sich detaillierte Zugriffsrechte.
Auch die elektronische Medikationsliste hat sich laut Dimde anders entwickelt als erwartet. Als zum ersten Mal über sie gesprochen wurde, hätten viele noch die Augen verdreht. Inzwischen wird sie pro Woche rund 41 Millionen Mal geöffnet, vor wenigen Wochen waren es noch etwa 25 Millionen. Den Sprung erklärte Dimde mit den Apotheken: Fast jede lade die Liste inzwischen herunter, sobald die Gesundheitskarte gesteckt wird.
Moderator Marcel Weigand wollte wissen, was die hohen Abrufzahlen der elektronischen Medikationsliste über die Versorgung aussagen. Werden die Listen auch gelesen und angewendet? Das lasse sich aus den Betriebsdaten nicht erkennen, räumte Dimde ein. Ein Vertreter der Apothekerschaft habe aber berichtet, dass Apotheken heruntergeladene Medikationslisten automatisiert nutzen, um die Arzneimitteltherapiesicherheit zu prüfen. Ein Mensch müsse die Liste dann nicht selbst lesen. Dafür gebe es allerdings bislang nur einzelne Berichte.
Hanna Seidling, Leiterin der Kooperationseinheit Klinische Pharmazie am Universitätsklinikum Heidelberg, lenkte den Blick auf den elektronischen Medikationsplan. Er wird derzeit in Modellregionen in Hamburg und Franken erprobt, nach Angaben von Dimde mit weniger Einrichtungen als geplant. Systemische Fehler habe es dabei nicht gegeben, Nachbesserungsbedarf aber bei der Bedienung in der Praxissoftware und beim Ausdruck. Bundesweit soll der Plan laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung im Dezember umgesetzt werden. Anders als die Liste soll er abbilden, was ein Patient tatsächlich einnehmen soll. Offen sei, wer ihn bei jeder Änderung aktuell hält. Einen festen „Kümmerer“ für jeden Plan könne man sich kaum leisten. Der Plan müsse sich deshalb aus den Abläufen selbst ergeben.
Ruth Hecker, Chief Patient Safety Officer der Universitätsmedizin Essen, sieht gleich mehrere Risiken. Fehlen Informationen in der Akte, sprechen Behandelnde womöglich intensiver mit den Patienten. Gefährlicher sei, wenn sie eine unvollständige Akte für vollständig halten und deshalb nicht mehr nachfragen. Auch eine überfüllte Akte sei ein Problem. In Essen nutzten Ärztinnen und Ärzte die Informationen aus der ePA gern, eigene Befunde stellten sie aber nur zögerlich ein. Das koste Zeit, und bei einem Klinikaufenthalt mit vielen Befunden müsse ausgewählt werden. Werden aus 200 Befunden nur 20 hochgeladen, könnten wichtige fehlen.
Susann May von der Charité stellte Ergebnisse aus Interviews in Arztpraxen vor. Demnach scheitert die ePA nicht am Willen