// SCINEXX — SPAZIO & SCIENZA
Stratosphärenwinde können extremen Strombedarf in Europa ankündigen
Wenn sich der Polarwirbel über der Arktis im Winter abschwächt, kann Wochen später in Europa eine Kältewelle folgen. Eine neue Analyse zeigt, dass danach außergewöhnlich hoher Strombedarf in Nord- und Mitteleuropa etwa 1,5- bis dreimal wahrscheinlicher wird. Die Störungen in großer Höhe könnten Energieversorgern zusätzliche Vorwarnzeit verschaffen, allerdings nicht bei jedem Ereignis.
Exeter (England). In kalten Wintern laufen vielerorts die Heizungen auf Hochtouren, und mit sinkenden Temperaturen steigt häufig auch der Strombedarf. Eine wichtige Rolle für spätere Kältewellen kann ein Windsystem hoch über der Arktis spielen. Der stratosphärische Polarwirbel kreist in etwa zehn bis 50 Kilometern Höhe um den Nordpol und beeinflusst mitunter über Wochen die Wetterentwicklung in Europa.
Gerät dieses System aus dem Gleichgewicht, können sich die Höhenwinde sogar umkehren und die Temperaturen in der Stratosphäre innerhalb weniger Tage stark steigen. Dieses als plötzliche Stratosphärenerwärmung bezeichnete Ereignis tritt im Schnitt ungefähr alle zwei Jahre auf. Es kann später kalte Luft nach Europa lenken, muss sich aber nicht zwangsläufig auf das Wetter am Boden auswirken.
Forscher der University of Exeter um Dr. Regan Mudhar haben nun untersucht, ob sich solche Störungen auch im europäischen Strombedarf bemerkbar machen. Dazu kombinierten sie Wetterdaten aus 46 Wintern von 1979/80 bis 2024/25 mit einem Modell für den temperaturabhängigen Bedarf in 28 europäischen Ländern. Die Datenauswertung umfasst 30 plötzliche Stratosphärenerwärmungen.
Ein besonders anschauliches Beispiel lieferte der Februar 2018. Damals folgte auf eine solche Störung eine ausgeprägte Kältewelle in Großbritannien und weiten Teilen Nordeuropas.
„Im Februar 2018 spaltete sich der Polarwirbel in zwei Teile“, erklärt Dr. Regan Mudhar.
Das Team betrachtete jeweils die 45 Tage nach dem Beginn einer plötzlichen Stratosphärenerwärmung und verglich diese mit ähnlichen Winterabschnitten aus anderen Jahren. Als extrem galt ein Tageswert, der ungefähr 20 Prozent über dem jahreszeitlich typischen Strombedarf liegt. Nach den Störungen war das Risiko dafür in Mitteleuropa etwa dreimal und in Nordeuropa rund 1,5-mal so hoch.
Dieser Faktor beschreibt die Wahrscheinlichkeit außergewöhnlicher Bedarfsspitzen, nicht eine entsprechende Vervielfachung des Stromverbrauchs. Die niedrigeren Temperaturen und der damit verbundene Mehrbedarf zeigten sich im Mittel besonders zehn bis 20 Tage nach dem Ereignis in großer Höhe. Für Energieversorger könnte dadurch ein zusätzliches Zeitfenster zur Vorbereitung entstehen.
„Extreme Kälte birgt verschiedene Risiken, darunter einen hohen Energiebedarf, und unsere Ergebnisse können helfen, sich auf künftige Ereignisse vorzubereiten“, erklärt Dr. Regan Mudhar.
Nicht jede Kältewelle hat die gleichen Folgen für das Stromsystem. In Frankreich reagierte die modellierte Stromnachfrage bereits auf verhältnismäßig kleine Temperaturänderungen stark, weil dort ein großer Teil der Gebäude elektrisch beheizt wird. In skandinavischen Ländern blieb der zusätzliche Bedarf trotz oft stärkerer Kälte vergleichsweise begrenzt, was auch mit der dortigen Anpassung an kalte Winter zusammenhängt.