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Prima: Netzhautimplantat soll das Lesen wieder möglich machen
Ein Chip unter der Netzhaut und eine Spezialbrille helfen Betroffenen mit fortgeschrittener Makuladegeneration wieder Buchstaben zu erkennen.
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Ein Chip unter der Netzhaut und eine Kamerabrille können manchen Menschen mit fortgeschrittener altersbedingter Makuladegeneration helfen, wieder Buchstaben und Wörter zu erkennen. Nach zwölf Monaten zeigen Studiendaten deutliche Fortschritte auf der Sehtafel, neue Daten nach drei Jahren deuten auf einen anhaltenden Effekt hin. Was das für das Lesen im Alltag bedeutet und wie sich das System außerhalb der Studie bewährt, bleibt genauer zu untersuchen.
Bei der geografischen Atrophie, einer fortgeschrittenen Form der trockenen altersbedingten Makuladegeneration, sterben lichtempfindliche Zellen im Zentrum der Netzhaut ab. Betroffene verlieren damit das Sehen für feine Details. Sie können etwa wahrnehmen, dass jemand vor ihnen steht, dessen Gesicht aber nicht mehr erkennen. Auch das Lesen wird schwierig.
Das Prima-System soll einen Teil dieses verlorenen zentralen Sehens technisch ersetzen. Ein 2 × 2 Millimeter großer und 30 Mikrometer dünner Chip wird unter die Netzhaut eingesetzt. Eine spezielle Brille nimmt mit einer Kamera Bilder auf und projiziert sie nach der Verarbeitung als Nahinfrarotlicht auf das Implantat. Dessen Fotodioden wandeln das Licht in elektrische Impulse um und stimulieren verbliebene Netzhautzellen. Ohne eingeschaltete Brille bleibt das Implantat wirkungslos.
Auch andere Forschungsgruppen arbeiten an kabellosen Netzhautimplantaten, die mit Nahinfrarotlicht funktionieren. Ein internationales Team um Sedat Nizamoğlu von der türkischen Koç-Universität hatte einen Ansatz vorgestellt, der auf Zinkoxid-Nanodrähten und Nanokristallen beruht. Diese Nanostrukturen wandeln Nahinfrarotlicht in elektrische Impulse um, die verbliebene Nervenzellen der Netzhaut stimulieren sollen. Der Ansatz wurde bislang aber nur an Netzhautmodellen von Ratten getestet. Prima ist dagegen schon an Menschen untersucht worden und in Europa auf dem Markt.
Das Implantat kommt ohne Kabel aus, das aus dem Auge führt. „Überall da, wo Kabel in Bewegung sind, kann es zu Kabelbrüchen kommen“, sagt Ralf Hornig heise online. Er leitet bei Science Corporation das Prima-Projekt und arbeitet seit mehr als 25 Jahren an Retina-Implantaten. Die Anordnung der Elektroden auf dem Chip soll dafür sorgen, dass die Impulse vor allem Zellen in unmittelbarer Nähe stimulieren.
In der klinischen PRIMAvera-Studie erhielten 38 Menschen mit geografischer Atrophie ein Implantat. Nach zwölf Monaten standen noch 32 von ihnen für eine ausgiebige Untersuchung zur Verfügung. 26 dieser 32 Personen erkannten auf einer standardisierten Sehtafel mit dem System mindestens zehn Buchstaben mehr als vor dem Eingriff. Der mittlere Zugewinn betrug mit der Prima-Brille 24,5 Buchstaben, also knapp fünf Zeilen. Wenn die Teilnehmenden für den Test selbst wählten, wie sie sehen wollten, lag der mittlere Zugewinn bei 25,5 Buchstaben. Ohne Prima-Brille blieb die durchschnittliche natürliche Sehschärfe im untersuchten Auge gegenüber dem Ausgangswert unverändert. Die Ergebnisse wurden im New England Journal of Medicine veröffentlicht.
Nach eigenen Angaben konnten 27 der 32 untersuchten Personen zu Hause mit dem System Buchstaben, Zahlen oder Wörter lesen. Das bedeutet nicht, dass alle wieder längere Texte flüssig lesen konnten. Hornig beschreibt die Nutzung des Systems auch als Lernprozess. Nach einer Heilungsphase von etwa vier bis fünf Wochen werde die Brille eingestellt; anschließend übten die Patienten in der Rehabilitation, die neuen Seheindrücke zu nutzen. Manche könnten schon nach wenigen Sitzungen Buchstaben erkennen, andere benötigten länger. Ein Lesemodus bereitet Schrift für die Stimulation als helle Buchstaben vor dunklem Hintergrund auf. Zoom und Kontrast können angepasst werden.
Am 5. Ok