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Chinesischer Spionagesatellit verfolgt Inmarsat-Satelliten im All
Ein mutmaßlicher Lauschangriff im geostationären Orbit sorgt bei Bundeswehr und westlichen Geheimdiensten für Unruhe. Betroffen sind auch Kommunikationsdaten.
Künstlerische Darstellung eines amerikanischen und eines chinesischen Satelliten im All: Flugmanöver zeigt militärisches Interesse.
In rund 36.000 Kilometern Höhe über dem Äquator läuft seit einigen Monaten ein Vorgang ab, der in westlichen Sicherheitskreisen für Besorgnis sorgt. Dort soll sich nach Recherchen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung ein chinesischer Satellit in verdächtiger Weise einem kommerziellen Kommunikationssatelliten genähert haben. Betroffen davon sei auch das deutsche Militär, das für seine weltweite Datenübertragung auf die Infrastruktur des britischen Anbieters Inmarsat angewiesen ist. Die Bundeswehr betreibt im All traditionell nur eine Handvoll eigener Satelliten und nutzt daher private Dienste für den militärischen Datenverkehr.
Die Spur führt laut den Berichten zu dem im Oktober 2025 gestarteten chinesischen Satelliten TJS-20. Der Name verweist auf das staatliche Test-Programm für Kommunikationstechnik Tongxin Jishu Shiyan, das offiziell wissenschaftlichen Zwecken dienen soll. Militärs und Geheimdienste westlicher Staaten betrachten das Vorhaben als Tarnung für militärische Raumfahrtspionage.
Innerhalb dieses Programms existieren verschiedene Klassen, darunter die unter dem Namen „Huoyan“ bekannten Frühwarnsatelliten zur Überwachung fremder Raketenbasen sowie die als „Qianshao“ bezeichneten Vorposten. Zu letzterer Kategorie zählt nach Einschätzung von Experten auch TJS-20, der gezielt für elektronische Spionage in geostationären Umlaufbahnen konzipiert worden sei.
Das französische Raumfahrtüberwachungsunternehmen Aldoria, das eng mit der Raumfahrtagentur und dem Militärweltraumkommando des Landes kooperiert, hat ungewöhnlichen Manöver dokumentiert. Nach seinen Angaben hat sich der chinesische Satellit dem Inmarsat-Knotenpunkt zeitweise bis auf etwa 100 Kilometer genähert. In der Raumfahrt gilt eine solche Distanz als extrem gering.
Experten von Aldoria erläutern, dass ein derartiges Flugmanöver ein militärisches Interesse signalisiere und noch von keinem anderen westlichen Partner- oder NATO-Satelliten in vergleichbarer Weise beobachtet worden sei. China demonstriere damit seine technologische Weiterentwicklung im All und nehme dabei auch kommerzielle Satellitendienste ins Visier.
Das Bundesverteidigungsministerium wollte sich mit Verweis auf die militärische Sicherheit und den Schutz kritischer Infrastruktur nicht zu konkreten Bedrohungsszenarien äußern. Im Hintergrund laufe aber die Schadensbegrenzung, heißt es bei dem Rechercheverbund. Das Weltraumkommando der Bundeswehr überwache die Lage kontinuierlich. Dessen Handlungsspielraum im Orbit sei aber begrenzt.
Vor wenigen Tagen soll Kunden von Inmarsat geraten worden sein, ihre Kommunikationsfrequenzen zu wechseln, um Lauschangriffe zu erschweren. Experten bezweifeln indes, dass das wirksam sei: Solche Manöver liefen ins Leere, wenn der chinesische Satellit aufgrund seiner vorteilhaften Position das gesamte Frequenzspektrum abgreifen könne. Der britische Mutterkonzern Viasat hat sich zu den Vorfällen bislang nicht geäußert.
Bei derartigen Ausspähversuchen geht es selten um die Nachrichten selbst, da geheime militärische und kommerzielle Daten in der Regel stark verschlüsselt übertragen werden. Stattdessen konzentrieren sich die Angreifer auf Metadaten. Dazu zählen die genutzten Sendefrequenzen, die exakten Zeitpunkte der Übertragung oder Kommunikationsmuster. Daran lässt sich erkennen, welche Bodenstationen miteinander im Austausch stehen. Dieses Wissen gilt für Geheimdienste und im Ernstfall für gezielte militärische Angriffe von hohem Wert, da feindliche Stationen so gezielt ausgeschaltet werden könnten.