// SCINEXX — SPAZIO & SCIENZA
In vielen Regionen gefährden soziale Hürden die Aufforstung
Hoffnung mit Hindernissen: Neue Wälder können der Atmosphäre Kohlendioxid entziehen. Doch rund 73 Prozent des weltweit geschätzten Aufforstungspotenzials liegen laut einer globalen Analyse in Ländern mit mittleren bis hohen sozialen und institutionellen Risiken. Armut, Hunger und unsichere Landrechte könnten dort die Anlage und den dauerhaften Erhalt neuer Wälder erschweren.
München (Deutschland). Bäume nehmen beim Wachsen CO₂ aus der Luft auf und können so zum Klimaschutz beitragen. Bei der Aufforstung entstehen Wälder auf zuvor unbewaldeten Flächen, bei der Wiederaufforstung kehren sie auf entwaldete Flächen zurück. Doch diese Gebiete werden oft zugleich für Nahrungsmittelproduktion, Weidewirtschaft oder andere Lebensgrundlagen benötigt.
Bisherige globale Schätzungen möglicher neuer Waldflächen berücksichtigen vor allem natürliche Bedingungen wie Klima, Boden und Wasserverfügbarkeit. Selbst wenn ein Standort für Bäume geeignet erscheint, kann ein Projekt aber an ungeklärten Landrechten oder fehlenden Arbeitskräften scheitern. Wie stark solche gesellschaftlichen Hindernisse weltweit mit dem tatsächlichen Aufforstungserfolg zusammenhängen, war bislang kaum quantifiziert.
Forscher der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) um Wenkai Bao haben dies nun anhand globaler Daten untersucht. Dafür sichteten sie mehr als 200 frühere Untersuchungen und verknüpften Daten zu angelegten, heute noch bestehenden Wäldern mit zehn gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Indikatoren. Insgesamt testete das Team 78 Modelle des maschinellen Lernens, von denen 27 eine ausreichende Erklärungskraft für die weitere Analyse erreichten.
Die Analysen enthüllten: Wirtschaftliche Bedingungen stehen besonders eng mit dem bisherigen Aufforstungserfolg in Zusammenhang. Von der ermittelten relativen Bedeutung aller untersuchten gesellschaftlichen Einflussgrößen entfielen im Mittel 25 Prozent auf Armut und 20 Prozent auf Ernährungsunsicherheit. Unsichere Landrechte steuerten elf Prozent bei, schwache Regierungsführung weitere zehn Prozent. Diese Anteile beschreiben die Bedeutung von Modellvariablen, nicht den Verlust an Wald oder CO₂.
Wer um Nahrung und Einkommen kämpfen muss, kann Flächen oder Geld oft nicht für langfristige Waldprojekte einsetzen. Sind Eigentums- und Nutzungsrechte unklar, fehlt zudem die Sicherheit, später von einer Aufforstung zu profitieren. Schlechte Verwaltung, fehlendes Forstpersonal und mangelnde Beteiligung der Menschen vor Ort erschweren den Schutz und die Pflege neuer Wälder zusätzlich.
„Da ein Großteil des geschätzten Potenzials in Regionen liegt, die mit solchen Hindernissen konfrontiert sind, insbesondere in tropischen Ländern, müssen glaubwürdige Klimastrategien Aufforstung und Wiederaufforstung mit Maßnahmen verbinden, die Lebensgrundlagen, Rechte und Institutionen stärken“, erklärt Wenkai Bao.
Anschließend überlagerten die Forscher die berechneten sozialen Risikomuster mit zwei unterschiedlichen Karten des theoretischen CO₂-Bindungspotenzials. Demnach liegen rund 73 Prozent dieses biophysikalisch geschätzten Potenzials in Ländern mit mittleren bis hohen gesellschaftlichen Hürden. Besonders betroffen sind viele tropische Staaten in Afrika sowie unter anderem Brasilien und Indien. In Europa und China fallen solche Hürden häufig geringer aus.
Allerdings bedeutet die Zahl nicht, dass tatsächlich 73 Prozent der möglichen CO₂-Bindung ausfallen. Die Studie zeigt, wo gesellschaftliche Risiken und theoretische Waldpotenziale zusammentreffen, berechnet aber keine realistisch erschließbare CO₂‑Menge. Ihre statistischen Zusammenhänge belegen zudem keine direkten Ursache-Wirkungs-Beziehungen zwischen Armut oder Regierungsführung und den vorhandenen Waldflächen.
Hinzu kommt: Die Modelle bewerten vor allem, wie viel einst gepflanzter Wald heute noch vorhanden ist. Ob neue Wälder langfristig Kohlenstoff speichern, Artenvielfalt fördern und der lokalen Bevölkerung nutzen, lässt sich daraus nur eingeschränkt ablesen. Auch aus öko